Unsäglicher Ablasshandel und die Gnadenpforte

Immer getreu dem Motto: Wenn erst das Geld im Kasten klingt ...

Es gibt einige Themen, deren Diskussion in der heutigen Zeit der Kirche eher unangenehm ist. Um keine schlechte Stimmung aufkommen zu lassen, sehe ich von der Aufzählung abartiger Praktiken wie zum Beispiel Hexenverbrennungen mal ab und orientiere mich auf eine eher harmlose Gepflogenheit, die bis 1567 ganz offiziell betrieben wurde. Es geht dabei nicht um Leben und Tod oder kriegerische Auseinandersetzungen mit Blut und Schwert, sondern um handfeste ökonomische Interessen. Es geht um den sogenannten Ablasshandel.

Menschen sind fehlbar. Dabei macht es keinen Unterschied, ob sie nun religiös gebunden sind oder nicht. Doch während der Ungläubige für seine Missetaten und für seinen Unglauben sowieso in der Hölle schmoren musste, hatten „gläubige“ Menschen eine Möglichkeit, alles wieder gut zu machen, was sie so im Laufe ihres Lebens verbockt hatten. Das ging sogar so weit - wenn es nur den pekuniären Interessen der Kirche diente -, dass sogar Mörder und Totschläger von ihren Sünden freigesprochen werden konnten, sobald sie sich an einem Kreuzzug beteiligten. Man muss sich vorstellen können, dass ihre Bewährung nun darin bestand, möglichst viele Feinde (ungläubige oder andersgläubige natürlich) ebenfalls wie bereits gehabt zu Tote zu befördern.

Unermüdlich sprudelnder Quell

Aber halt, jetzt gerade ich doch in jene unangenehmen Ecken, wo ich doch eigentlich gar nicht hin wollte. Wahrscheinlich, weil es ja doch auch so etwas wie ein Ablasshandel war. Der Handel, von dem ich hier sprechen möchte, war harmloserer Natur. Es geht vor allem um viel Geld. „Wenn die Menschen nun mal so viel sündigen, dann ist das doch ein unermüdlich sprudelnder, unendlicher Quell, wenn wir die Sünden jeweils mit einer Geldbuße belegen.“ So dachten wohl die Kirchen-Oberen bis hin zum Heiligen Stuhl. Gedacht – getan, wenn auch zu Beginn noch ein wenig zurückhaltend und verbrämt mit Kirchenideologie. So waren nur festgelegte Sündenfälle mit Geld belegt und nie ohne zusätzliche Auflagen bezüglich tätiger Reue wie Beten, Pilgern und so weiter. Doch ökonomische Zwänge hebeln offenkundig auch den festen Glauben aus. Als Rom erheblich mehr Geld brauchte, um unter anderem den Petersdom zu bauen, ließ man die lästigen und zeitaufwändigen Reueaktionen mehr und mehr weg und begnügte sich einfach mit dem Geld des Sünders. Letzterer kaufte einen sogenannten Ablassbrief, und alles war wieder gut.

Und jetzt bitte ich den geneigten Leser, kurz innezuhalten und über Folgendes nachzudenken: Welche Wege hatte die Kirche, um ihre Einnahmen stabil zu halten oder gar noch zu steigern, wie es zum Beispiel die enorm steigenden Baukosten des Petersdomes erforderten? Also ich sehe da nur zwei Möglichkeiten: die Vermehrung der Sündenfälle oder die Verteuerung der Ablassbriefe. Ist es nicht wirklich schizophren, dass die Kirche an einer Eindämmung des sündigen Tuns der Menschen, welches tagaus, tagein von der Kanzel doch auch angeprangert wurde, in Wahrheit nicht das geringste Interesse haben konnte?

Marktschreierische Geldbeschaffung

In Deutschland tat sich der Ablassprediger Johannes Tetzel besonders hervor durch Skrupellosigkeit im Umgang mit dem sauer verdienten Geld der Gläubigen. Manchem Marktschreier von heute konnte er gut als Vorbild dienen. Von ihm ist der folgende Ausruf überliefert, der in heutigem Deutsch etwa so lautete: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus der Hölle in den Himmel springt!“ Es ist überliefert, dass die eine Hälfte seiner Einnahmen nach Rom floss zum Bau des Petersdoms; die andere Hälfte teilte er sich wie alle anderen Ablassprediger im Einzugsgebiet mit dem Erzbischof von Brandenburg. Geschichtsforscher gehen davon aus, dass jenes ausufernde Gebaren Johann Tetzels mitverantwortlich war für die Entscheidung Martin Luthers, sich offen gegen den Ablasshandel zu äußern und eine Reformation der Kirche zu fordern.

Es kam, wie es kommen musste: Die Doppelzüngigkeit und Scheinheiligkeit der Ablasspraktiken war gegen den Druck der gläubigen Öffentlichkeit nicht mehr länger zu begründen und zu bemänteln. 1567 schließlich wurde der Ablasshandel in der römisch-katholischen Kirche streng verboten.

Alter Kupferstich, der den Ablasshändler Johann Tetzel zeigt Gepflasterter Pilgerweg in Villafranca del Bierzo

Das linke Foto zeigt den skrupellosen Ablassprediger Johannes Tetzel; rechts ein Ausschnitt des durch Villafranca del Bierzo (Gnadenpforte) führenden Pilgerweges nach Santiago de Compostela

Selbstverständlich spielte der Ablasshandel bis dahin natürlich auch und insbesondere auf den Pilgerwegen eine große Rolle. Doch ist er seitdem gänzlich verschwunden, oder wurde er nur von weniger anfechtbaren und umstrittenen Methoden ersetzt? Ich kann nicht glauben, dass die Kirche auf eine solche munter springende Einnahmequelle ohne jeglichen Ersatz überhaupt verzichten konnte. Es wäre doch eine wissenschaftliche Untersuchung wert, welche geldwerten Methoden den Ablasshandel von damals alternativ ersetzten.

Weg durch die Gnadenpforte

Über eine besondere Form des Ablasses gilt es noch zu berichten. Denn eines ist doch klar: Wer die beschwerliche Pilgertour bis nach Santiago de Compostela durchstand und schlussendlich am Grabe des Heiligen Jacobus weilte, dem waren die Sünden vergeben. Doch nicht alle Pilger durften sich eines glücklichen Endes freuen. Manche wurden krank unterwegs oder waren es schon bei Antritt der Pilgerreise. Andere verletzten sich oder waren sonst irgendwie angeschlagen. Für solche Pilger also hielten die Bewahrer des Weges eine besondere Lösung bereit. Falls man den gängigen Pilgerführern von heute folgt, gelangt man auf der 23. Etappe von Ponferrada nach Villafranca del Bierzo. Villafranca war schon immer eine besondere Stadt. Man nannte sie auch wegen ihrer vielen Klöster und Kirchen und einer besonderen Eigenheit „Das kleine Compostela“. Eine der Kirchen nämlich – die Iglesia de Santiago – besaß wie die große Kathedrale in Santiago de Compostela eine sogenannte Gnadenpforte. Hier bekamen all jene geschundenen Pilger, die den Weg über die galizischen Bergpässe bis zum Grabe des Heiligen Apostels nicht mehr schaffen konnten, vorzeitig den Ablass ihrer Sünden, indem sie durch die Gnadenpforte schritten. Das ersparte den Gebeutelten immerhin einen beschwerlichen Weg über weitere 178 Kilometer.

Warum eigentlich die ganze Quälerei?

Bleibt für mich zum Schluss noch eine Frage: Warum begeben sich Pilger überhaupt auf die beschwerliche Reise zum Beispiel von der französischen Grenze aus quer durch Nordspanien? Sie könnten doch ebenso einfach nach Sarria reisen und dort beginnen. Dann sind es noch rund 110 Kilometer bis nach Santiago. Einhundert Kilometer reichen aus, um alle Sünden erlassen zu bekommen. Dazu erhält der Pilger sogar als Beweis der vollbrachten Pilgertour eine Urkunde, die Compostela. Und Letztere macht keinen Unterschied zwischen eben jenen einhundert, tausend, zweitausend oder noch mehr Kilometern.   

PS

Nach oben