Das Gesellige und das Spirituelle

Wer ganz alleine geht, ist näher an sich selbst

Immer dann, wenn ich gelegentlich auf Seiten von Pilgerforen gerate, fallen mir dort spezielle „Kontakt“-Anzeigen auf. Es handelt sich dabei um Pilger und Pilgerinnen, die in der nächsten Zeit den Jakobsweg oder einen anderen Pilgerweg gehen wollen und noch nach Mit-Pilgern suchen. Das bedeutet letztendlich: Sie wollen nicht allein sein auf diesem spirituellen Weg. Das wirft für mich die Frage auf, wie sinnvoll das ist und wie es zueinander passt – das Pilgern und die Geselligkeit.

Ohnehin ist die Frage erst dann relevant, wenn man auch die Wahl hat zwischen dem Alleingehen oder in der Gesellschaft eines anderen Menschen oder sogar in einer kleinen oder größeren Gruppe. Das kam für mich ohnehin erst ab Logroño in Frage. Bis dahin war ich, ob ich das nun wollte oder nicht, allein auf relativ unbekannten Wegen. Die Chance, auf einen weiteren Pilger zu stoßen, obendrein mit dem gleichen Ziel, war sehr gering. Natürlich ist das anders, wenn man sich von vornherein über Pilgerforen oder andere Wege nach einem Partner umschaut. Doch dann ist natürlich auch von Anfang an klar, dass man ganz bestimmt nicht alleine gehen will.

Ein Wanderpärchen im flotten Schritt mit Rucksäcken auf dem Rücken       Im Folgenden werde ich ausschließlich über mich und meine Beobachtungen auf dem Weg erzählen. Eine Norm, eine Regel, wie es der Pilger  halten soll, gibt es natürlich nicht.

Ab Logroño also, wo ich vom Ebro-Pilgerweg auf den sogenannten französischen Weg traf, erlebte ich einen regelrechten Kulturschock. Dreißig oder mehr Pilger warteten schon vor der Herberge, als ich dort ankam. Am nächsten Morgen ging ich erst einmal genau so allein los, wie ich es bis dahin gewohnt war. Natürlich begegnete ich unterwegs anderen Pilgern. Sie überholten mich, oder ich überholte sie. Ein Wort gibt das andere. Man geht auch schon mal ein Stück des Weges gemeinsam, kommt gemeinsam in der Herberge an und sitzt am Abend gewöhnlich in geselliger Runde unter anderen Pilgern, die aus der ganzen Welt kommen. Doch jeden Morgen ging ich allein aus den Herbergen wieder los. Ich hatte Zeit zum Nachdenken, zum Meditieren. Ich teilte mir die Strecke so ein, wie ich es für richtig und bekömmlich für meine Kondition oder den Zustand meiner Füße hielt. Das heißt, ich stand zu einer von mir bestimmten Zeit früh auf, machte mich auf den Weg, legte eine Pause ein, wenn mir danach war, und ich beendete die Tagestour nach meinem Ermessen - selbstbestimmt, ohne Absprachen mit anderen. Das empfand ich als befreiend und angenehm.

Gemeinsam, ohne sich zu verbiegen

Eines Tages machte ich die Bekanntschaft eines Pilgers, der mir auf Anhieb sympathisch war, und das war wohl gegenseitig. Er dachte in vielen Dingen, die vor allem das Pilgern betrafen, so wie ich – nur eben über das Alleingehen nicht. Nun bin ich kein eigenbrötlerischer Mensch, der die Einsamkeit mit aller Gewalt sucht. Als er mich fragte, ob ich etwas dagegen hätte, wenn wir die nächste Etappe gemeinsam in Angriff nehmen würden, zierte ich mich nicht sonderlich. Einzige Bedingung war, dass ich mein Tempo nicht verändern wollte und wir uns einig würden in der Wahl der Strecke, was die Entfernung anbetrifft. Wir gingen gemeinsam los.

Pilgerweg Richtung Logrono und Luigi, ein erfahrener Pilger aus Italien  Andrang von vielen Pilgern vor der Herberge in Logrono

Luigi, einen Pilger aus Italien, der die meisten Jakobswege schon gegangen war, traf ich in Calahorra. Rechtes Foto: Andrang vor der Pilgerherberge in Logroño (Fotos vom Autor)

Um es kurz zu machen: Aus der einen gemeinsam bewältigten Etappe wurden schließlich neun! In Cacabelos schließlich mussten wir uns trennen, völlig unabhängig davon, ob wir gern weiter zusammen gepilgert wären oder nicht. Er hatte eine Verletzung am Fuß, die ihm schon seit Tagen zu schaffen machte. Nun sollte er für mindestens zehn Tage pausieren und im Spital von Cacabelos bleiben. So lange konnte ich natürlich nicht untätig warten. Trotz guten Einvernehmens während der neun Etappen trennten wir uns also jetzt zwangsläufig. Am nächsten Morgen lief ich also wieder einmal allein los und erlebte eine Überraschung: Ich fühlte mich besser, freier, dem Weg wieder mehr verbunden. Ich trauerte dem gemeinsamen Gehen keinen Augenblick nach. Ich wusste von diesem Moment an, dass dies die Art und Weise für mich ist, einen solchen Weg zu gehen. Wohlgemerkt – das gilt für mich.

Man muss es selber ausprobieren

Für alle anderen habe ich nur den einen Ratschlag: Probiere es doch einfach einmal aus! Selbst wenn man mit einem Partner geht oder einer kleinen Gruppe, kann man doch eines schönen Pilgertages einmal sagen: Heute gehe ich allein! Wir treffen uns dann in der Herberge xyz. Es ist ja nicht gefährlich. Vor Dir und hinter Dir sind immer Pilger unterwegs, und wenn die Freunde obendrein wissen, wo Du etwa sein müsstest, ist dem Sicherheitsgedanken Genüge getan. Vielleicht wirst Du ja die wunderbare Erfahrung machen, dass Alleinsein keine Strafe, sondern ein Gewinn sein kann. Oder aber Du sagst: Nie wieder allein! Das kannst Du jedoch nur wissen, wenn Du dieses Erlebnis hattest. Trau Dich!

Peter Schumann

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