Das gewisse Flair der Jahrhunderte

Die Magie dieses Weges ist über die Zeiten ungebrochen

Von Salzadella bis zum Kloster Rueda sah ich nicht ein einziges Mal die charakteristischen gelben Pfeile, die bekanntlich den Pilgerweg markieren. Es gab so gut wie keine offiziellen Herbergen. Manchmal wussten selbst die Einheimischen nicht, dass sie an einem Pilgerweg nach Santiago leben oder sie erinnerten sich erst nach intensiver Nachfrage daran. Es fehlte jenen fast vergessenen Pfaden im großen und ganzen jener Hauch der Jahrhunderte, der den Weg, den man den „französischen“ nennt, so einzigartig macht. Dazu gehören ja nicht einfach nur gelbe Pfeile; die könnte man überall hin malen. Es müssen vor allem Menschen diesen Weg auch gehen, denn vor allem sie, ihre Schicksale, ihre Erlebnisse und ihre Gewohnheiten prägen ihn in erster Linie und für die Dauer.

Mit ziemlicher Sicherheit verfügt auch der Weg durch den Maestrazgo über dieses besondere Flair. Schließlich fand in diesem Gebiet über Jahrhunderte eine äußerst wechselhafte Geschichte statt, die verknüpft ist und war mit bedeutenden Namen. Sie ist nur, jedenfalls was den Weg betrifft, ein wenig in Vergessenheit geraten. Und doch, auf gar keinen Fall hätte ich die Erlebnisse, all die Widrigkeiten des ersten Teiles meiner Reise in Richtung Santiago auf eben solchen Wegen missen mögen, auf gar keinen Fall!

 

Kurz hinter dem Kloster Rueda am Ebro der erste gelbe Pfeil des Pilgerweges

Der erste gelbe Pfeil des Jakobsweges auf meinem Pilgerpfad kurz hinter dem Kloster Rueda, in der Nähe des Ebro-Städtchens Escatron  (Foto vom Autor)

Bei meinen letzten Recherchen im Internet, sozusagen ein Jahr danach, stoße ich auf eine interessante Meldung: In der valencianischen Provinz Castellon ist man jetzt dabei, den alten Weg zu rekonstruieren. Er soll über eintausendeinhundert Kilometer, aufgeteilt in vierzig Etappen, von Castellon, also der Hauptstadt der Provinz, bis nach Santiago de Compostela führen. Nun geht es wohl vor allem darum, die sicherlich vorhandenen historischen Beweise aufzudecken, um sie dann auch sichtbar zu machen. Dann können die Bewohner der Anliegerdörfer mit Fug und Recht sagen: Ein Pilgerweg nach Santiago de Compostela geht auch hier entlang, durch unsere Provinz, durch unseren Ort.

Wegzeichen motivieren den Pilger

Als erste Maßnahme hat die Provinzregierung in Zusammenarbeit mit Organisationen, die sich für das Erbe dieses Weges verantwortlich fühlen, auf einer Teilstrecke von 164 Kilometern sage und schreibe dreiundvierzig „Kilometersteine“ errichtet. Auf einem Foto konnte ich einen davon sehen. Es war mehr eine Stele, etwa zwei Meter hoch, aus Sandstein oder Granit und mit den Farben und Symbolen des Weges versehen. Was hätte ich mich gefreut, wenn ich auf meiner Pilgertour nur einem einzigen dieser Steine schon hätte begegnen können. So ein Zeichen motiviert den müden Pilger doch ungemein!

Auf der anderen Seite zeigt diese Meldung anschaulich, dass jener sagenumwobene Pilgerweg, der schon so viele Jahrhunderte überdauert hat, noch immer in Entwicklung ist und bleibt. Folgerichtig lautet die Begründung für diese Aktion mit den Kilometersteinen, dass „die Magie des Weges ungebrochen sei und sich jedes Jahr Tausende Castellonenser, ob sie nun gläubig sind oder nicht, auf diese symbolische und spirituelle Tour begeben“.

Und die Provinz Castellon ist nur eine von insgesamt fünfzig spanischen Provinzen ...

Peter Schumann

 

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