Der Frust mit den etablierten Verlagen

Schwieriger Weg unabhängiger Autoren zum ersten eigenen Buch

Nach unendlich viel Zeit, wenn Du kein sogenannter Schnellschreiber bist, liegt ein fertiges Manuskript vor Dir auf dem Tisch, oder es befindet sich im Computer, was an sich keinen Unterschied macht. Viel fehlt nun nicht mehr, denkst Du, und schon bald hältst Du Dein erstes Buch in den Händen.

Du hast in der vergangenen Zeit – es kann ein Jahr oder mehr gewesen sein – förmlich in Deinem Buch gelebt. Deine Gedanken waren immer dort, auch wenn Du vielleicht mit irgend etwas anderem beschäftigt warst, das nicht das Geringste damit zu tun hatte. Das hat manchmal Deiner Umwelt, Menschen, denen Du an sich nahe stehst, nicht sonderlich gefallen. Du warst, obwohl körperlich anwesend, doch abwesend mit Deinen Gedanken, die nicht loslassen konnten vom Stoff Deines Buches.

Da muss man hindurch. Es ist nicht zu ändern. Versuchst Du es, kannst Du das Schreiben gleich bleiben lassen.

Die Zahlen verheißen nichts Gutes

Nun folgt der Gang nach Canossa. Du versuchst, einen Verlag von der Einmaligkeit Deines Werkes zu überzeugen, obwohl keiner Dich aufgefordert hat, dass Du überhaupt schreiben sollst. Die Verlage nennen das „unverlangt eingesandte Manuskripte“.

Um einmal klarzumachen, auf welch dünnes Eis sich ein selbsternannter Autor begibt, sollen am besten Zahlen sprechen. So geht man im Großen und Ganzen davon aus, dass etablierte Verlage in Deutschland so zwischen 1.000 bis 3.000 unverlangt eingesandte Manuskripte pro Jahr erhalten. Eine andere Zahl spricht von drei bis fünf Manuskripten täglich, was bei einer jährlichen Aufrechnung auch zu einem ähnlichen Ergebnis, wenn auch nicht ganz in der Spitze, führt. Hier muss man natürlich noch die erheblichen Unterschiede zwischen den einzelnen Verlagen berücksichtigen. Beim Fischer-Verlag sollen es demnach 4.000 bis 5.000 Manuskripte, beim Diogenes-Verlag 3.000 bis 6.000 Manuskripte jährlich sein, kleinere Verlage entsprechend weniger.

Die wichtigste, aber niederschmetternde Nachricht ist nun folgende: Nur alle paar Jahre, oder in Zahlen etwa aller 9.000 Manuskripte, bleibt mal ein solches Manuskript bei den Verlagen zur Veröffentlichung hängen. Das wirklich Deprimierende daran ist, dass es keinen Unterschied macht, ob jemand wirklich nur für die Schublade schreiben sollte, über Dinge, die die Welt nicht wissen will und auch nicht wirklich braucht, oder ob es sich um eine außergewöhnliche literarische Begabung handelt. Letzteres glauben sicher viele von sich. So ist es sicherlich richtig und notwendig, dass Verlage Manuskripte prüfen und beurteilen und gegebenenfalls auch ablehnen. Wenn sie es nur tun würden.Im fast mechanisierten Ablehnungsverfahren großer etablierter Verlage sind zum Glück oder Unglück so gut wie alle gleich. So richtet sich meine Kritik auch nicht gegen eine Ablehnung generell und gegen eine Prüfung schon gar nicht. Ich glaube nur nicht, dass wirklich geprüft wird. Das Motto scheint zu lauten: Wen wir nicht kennen und wen die Welt nicht kennt, der kann doch wohl kein guter Autor sein, der bringt uns auch keinen Gewinn! Das ist leider noch immer so. Literatur eben angepasst an das Niveau der Marktwirtschaft.

Tut uns leid - wir haben keine Zeit

Natürlich sind die meisten Verlage überfordert mit der Flut unverlangt eingesandter Manuskripte und verfügen weder über genügend Zeit noch über die notwendigen qualifizierten Mitarbeiter. Doch dann sollte das im Ablehnungsschreiben auch so stehen. "Tut uns leid - keine Zeit für Sie und Ihr Manuskript!" Höfliche Floskeln helfen da nicht wirklich weiter und führen nur zu Frust. In einem Fall machte sich der Verlag nicht einmal die Mühe, zu unterscheiden, ob es sich bei dem Einreicher um eine Frau oder um einen Mann handelte. Ich dagegen habe mir bei all diesen Versuchen wirklich große Mühe gemacht. Jede Bewerbung enthielt 30 Seiten ausgedrucktes Manuskript, einen Lebenslauf (sogenannte Vita), eine Inhaltsangabe für das Gesamtprojekt, ein Exposé und ein freundliches Anschreiben. Obwohl es sich ja um unverlangt eingesandte Manuskripte handelt, fordern die Verlage von den jeweiligen Autoren, sich an diese formalen Bedingungen zu halten. Das ist ein Widerspruch an sich. Die Verlage organisieren sich somit eine Papierflut (insgesamt also etwa 35 Blatt pro Einreicher), die sie am Ende gar nicht bewältigen können. Und sie wissen das natürlich auch schon vorher. Irgend etwas stimmt also an dem gesamten System nicht.

Mir hat diese Erkenntnis am Ende nichts genutzt, und ich war um etliche Euro ärmer. Der Postversand von Spanien nach Deutschland hatte seinen Preis. Dabei habe ich schon auf Rücksendung verzichtet, denn dann hätte ich obendrein das Porto dafür noch in Briefmarken beilegen müssen. Ich füge an dieser Stelle immer gerne ein, dass der Kauf eines Buches unbekannter und nicht von einem Verlag betreuter Autoren vielleicht auf der einen Seite ein kleines Risiko darstellt. Man muss halt gut recherchieren und mit mehr Bedacht auswählen, als man das schlechthin in einer Buchhandlung tut. Dafür stellt ein unbekannter Autor ja auch gerne Webseiten ins Internet mit ausführlichen Leseproben. Andere Werbeformen stehen ihm zumeist nicht zur Verfügung, oder er kann sie sich finanziell nicht leisten. Man nehme nur das Beispiel, wie das öffentlich-rechtliche und das private Fernsehen in Meldungen darauf aufmerksam machen, wenn irgend ein Prominenter oder ehemals Prominenter ein Buch veröffentlichen will oder das bereits getan hat. Egal, ob die Meldungen einen positiven oder negativen Tenor haben - es ist kostenlose Werbung pur, für die jeder unbekannte Autor Tausende von Euros hätte hinblättern müssen. Auf der anderen Seite bedeutet der Kauf eines Buches unbekannter Autoren, das dann in Eigeninitiative mit Hilfe vielleicht eines Book-on-demand-Verlages doch noch an die Öffentlichkeit gelangt ist, auch immer ein, wenn auch nur winzig kleines Signal an die etablierten Verlage. Es will sagen, dass es sich doch lohnen kann, dieser oft unterschätzten Gruppe ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu widmen und über die Methoden der Auswahl einmal mehr gründlich nachzudenken.

Es gibt heute immerhin Alternativen

Doch immerhin hat die heutige Zeit auch ihr Gutes. Während früher die Ablehnung solcher Werke oft zugleich ihr bildliches Todesurteil war, können die Autoren von heute ihre Arbeiten zumindest gegenständlich machen und als vollkommenes Buch in der Hand halten. Das geschieht zumeist mit Hilfe von sogenannten Book-on-demand-Verlagen. Das heißt so viel wie "Bücher auf Bestellung". Doch dahinter steht natürlich ein gesamtes Konzept des Umgangs mit relativ unbekannten Autoren und deren Beteiligung am verlegerischen Risiko. Unschwer ist zu erkennen, wenn es um Beteiligung an Risiken geht, dass der Autor selbst um eine äußerst genaue Prüfung der Angebote nicht herumkommt. Es gibt ja inzwischen zahlreiche Book-on-demand-Verlage. Die seriösen unter ihnen arbeiten alle in etwa nach dem gleichen Prinzip. Doch die Unterschiede zwischen den Kosten, die auf den Autor selbst zukommen, und dem erreichbaren ökonomischen Ergebnis durch anschließende Vermarktung des veröffentlichten Buches sind erheblich. Hier ist ein marktwirtschaftlich orientiertes Mitdenken des jeweiligen Autors unerlässlich.

Die Palette dessen, was ein Autor mit Unterstützung dieser Verlage erreichen kann, geht vom Druck eines Einzelexemplars zur Befriedigung des Egos, über mehrere Exemplare zum Verschenken an Freunde und Bekannte bis hin zu richtigen (meist aber sehr kleinen) Auflagen. Letzteres ist wohl immer mit einer Beteiligung an den Druckkosten verbunden. Wenn es der Autor geschickt anstellt, kann er aber durchaus diese Kosten wieder zurückholen durch den Verkauf der fertigen Bücher. Neben der ganzen anstrengenden Tätigkeit des Schreibens kommt in der Folge also auch die Beschäftigung mit Verkaufs- und Werbestrategien hinzu, denn auch die kleinste Auflage verkauft sich nicht von allein.

Reich werden kann damit in der Regel niemand.

PS

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