Der Kult um die Stempel des Jakobsweges

Manche wollen so viele wie nur möglich sammeln

Wenn man sich vornimmt, den Jakobsweg zu pilgern, gilt es einige organisatorische Notwendigkeiten zu beachten. Vorausgesetzt, man legt Wert darauf, in den einschlägigen Pilgerherbergen zu übernachten und am Ende der Pilgertour die begehrte Compostela in Empfang zu nehmen. Denn beides geht nur, wenn man sich einen ordentlichen Pilgerausweis, der spanische heißt Credencial, besorgt. Das ist keine große Sache, denn das Internet listet beim Suchbegriff „Pilgerausweis“ gleich mehrere  Möglichkeiten auf.

Stempel an den unterschiedlichsten Orten

Sobald die Pilgertour dann begonnen hat und sich die erste Routine einstellt, beginnt sie – die Jagd auf die Stempel. Diese ist ebenso individuell wie auch die Zusammensetzung der Pilgerscharen. In jeder Herberge, in der ein Pilger übernachtet, bekommt er einen Stempel bei der Anmeldung. Es gibt jedoch beispielsweise auch Stempel in Kirchen, in Klöstern und sogar in Bars und Restaurants. Der Pilgerausweis verfügt über mehrere Seiten, die extra für diese Stempel vorgesehen sind. Manchmal reichen sie nicht aus. Dann wird in der Regel etwas angeheftet. Zwar braucht man am Ende in Santiago de Compostela eigentlich nur die Stempel, die beweisen, dass der Pilger die letzten hundert Kilometer zu Fuß (Radpilger 200 Kilometer) zurückgelegt hat.

ein Stempel vom Jakobsweg von Santa Domingo de la Calzada   ein altes historisches Haus, ehemaliges Kloster, jetzt Herberge für Pilger

Die wahrscheinlich älteste Herberge am Weg in Santa Domingo de la Calzada, wo das sogenannte Hühnerwunder stattfand, und der dazugehörige Stempel mit einem Mönch und zwei Hühnern. Die Hühner werden noch heute im Hof dieser Pilgerherberge gehalten.

Doch viele machen sich einen Ehrgeiz daraus, so viele Stempel wie nur möglich zu ergattern. Das ist nicht schwer, denn die Herbergen geben ihren Stempel gern auch Durchreisenden, die gar nicht die Absicht der Übernachtung haben und noch ein paar Herbergen weiter ziehen. Darüber hinaus halten, wie bereits erwähnt, die Pfarrer von Kirchen, die zur Besichtigung offen stehen, und viele Wirte der Bars und Restaurants am Wege einen Pilgerstempel zum Zwecke der Kundenwerbung bereit. Viele der Stempel sind auch sehr schön gestaltet.

Den Stempel möglichst vorher anschauen

Mir passierte in diesem Zusammenhang eine, wenn auch unbedeutende, so doch dumme Geschichte. Der Pfarrer der Kirche in Escatron hatte mir vom schönen Stempel vorgeschwärmt, den es im Kloster Rueda auf dem gegenüber liegenden Flussufer des Ebros geben sollte. Dort würden junge Mädchen am Eingang des Klosters sitzen, einzig zu dem Zweck, die Pilgerausweise der Peregrinos abzustempeln. Als ich am nächsten Morgen über die lange Brücke hinüberlief zum Kloster, war ich schon voller Erwartung. Doch ich freute mich zu früh im wahrsten Sinne des Wortes. Es war erst 8.30 Uhr, und zu dieser Zeit öffnet kein spanisches Kloster. Da hatte ich eine Idee! Ich ging zur Rezeption des Paradors, denn ein Teil des Klosters ist heute umgebaut als Hotel. Ich bat dort also darum, meinen Pilgerausweis abzustempeln. Meine Bitte wurde umgehend erfüllt, aber als ich mir den Stempel ansah, traute ich meinen Augen nicht. Ein solches Hotel in historischen Gemäuern und der Stempel rechteckig, schnörkel- und leider auch einfallslos, fast hässlich. Nun zierte dieser geschmacklose, bürokratische Stempel meinen Pilgerausweis. Hätte ich das vorher gewusst, dann wären mir zwei Stunden Wartezeit nicht zu viel gewesen.

das Titelbild des Pilgerausweises und einige Stempel  die Compostela, die Pilgerurkunde

Der Pilgerausweis mit einigen Stempeln und die begehrte Compostela, die Pilgerurkunde, die im Pilgerbüro in Santiago de Compostela auf den Namen des jeweiligen Pilgers ausgestellt wird. (alle Fotos vom Autor)

Wenn es nicht reicht, wird angeheftet

Ich gehörte zu jener Kategorie Pilger, die zufrieden waren mit einem Stempel jener Herbergen, in denen sie auch tatsächlich übernachteten – also keine Stempeljäger in diesem Sinne. Mancher Übernachtungsnachweis ging mir sogar verloren, denn wenn ich gelegentlich im eigenen Zeltchen übernachten musste, konnte ich mir ja schlecht selber einen Stempel geben. Dennoch war aufgrund meines doch etwas längeren Pilgerweges die Zahl der Seiten im Pilgerausweis nicht ausreichend. Kein Problem! Am Empfang in der Pilgerherberge des Klosters in Leon heftete eine freundliche Nonne ein paar Seiten einfach an. Der mit zahlreichen Stempeln gefüllte Pilgerausweis, ich kam ohne nennenswerten Ehrgeiz auf dreiundfünfzig an der Zahl, ist auch heute noch – neben der Compostela, der Pilgerurkunde, natürlich – die schönste Erinnerung an meine Pilgertour von Peñiscola quer durch Spanien über 1080 Kilometer nach Santiago de Compostela.

PS

 

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