Die Sache mit dem Tagebuch

Nur wenige sprechen darüber - viele Pilger tun es

Wenn die Pilger am zeitigen Nachmittag, einige wenige auch erst gegen Abend, in die Pilgerherbergen einkehren, haben die meisten das gleiche Ziel: Zuerst schön heiß duschen, den Staub und Schmutz der Tagesstrecke vom Leibe spülen, eine kleine Wäsche von Socken, Shorts und T-Shirt eventuell und - ganz wichtig - die Füße pflegen. Viele legen sich nach diesen Verrichtungen noch für ein bis zwei Stunden schon aufs Bett, um sich etwas auszuruhen.

Gegen Abend, also so von 18.00 bis 22.00, Uhr sind die meisten Pilger munter, in der Regel gut drauf, wie man so schön salopp sagt. Sie zeigen dann zumeist Interesse an einer guten Abendmahlzeit, die oft gemeinsam vorbereitet wird, und einer ebenso guten Gesprächsrunde. Man macht sich bekannt, wenn man sich nicht schon von Begegnungen in den vorangegangenen Herbergen kennt, man trinkt und isst gemeinsam, und die Stimmung ist in der Regel sehr gut.

Doch man kann auch beobachten, dass sich einzelne Pilger absondern, sich zurückziehen und einer geheimnisvollen Tätigkeit nachgehen, die offenbar die Gegenwart anderer nicht erträgt. Aber keine Sorge! Das sind keine Einzelgänger oder Eigenbrötler, die es selbstverständlich auch gibt. Sie ziehen sich nur für ein halbes Stündlein, mehr oder weniger, zurück. Sie liegen dann auf ihrem Bett oder sitzen auf dem Fensterbrett, grübeln und kauen an irgend welchen Stiften. Manche setzen sich auch nach draußen, wenn das Wetter es erlaubt – Hauptsache, ein Stücklein weg von den anderen für diese Zeit. Das Geheimnis, das dahinter zu stecken scheint, ist eigentlich keines. Jeder weiß, was sie tun: Sie schreiben Tagebuch.

Ich vermute, dass diese an sich begrüßenswerte Betätigung extrem zugenommen hat, nachdem HaPe Kerkelings Buch über den Jakobsweg seinen Weg in die deutschen Buchhandlungen genommen hatte und in kurzer Zeit zum Bestseller wurde. Dieses Buch hat gleich in mehrfacher Hinsicht die Menschen in Bewegung gebracht. Es wird doch einen guten Grund haben, dass der erfolgreiche deutsche Entertainer das Ehrenkreuz zum Spanischen Zivilorden verliehen bekam. Zwar geschah das wohl vor allem als Dank für den erstaunlichen Anstieg der Pilgerzahlen in den vergangenen Jahren, doch auch diese Wirkung ist nicht zu unterschätzen: Viele, viele Pilger fühlten sich jetzt berufen, auch ein Buch über ihre Erlebnisse auf dem Jakobsweg zu schreiben. Da ist es ja tatsächlich klug gedacht, mit einem ausführlichen Tagebuch dafür gute Voraussetzungen zu schaffen. Leider führten die Verlage wohl keine Statistik darüber, um wieviel mehr das Angebot an solcherart Literatur seitdem angestiegen ist. Natürlich denkt in solchen Momenten keiner der zumeist unbekannten Autoren daran, wie sehr sich die Chancen verringern, wenn das alle tun, und welche Chance überhaupt besteht nach solch einem Bestseller eines Prominenten. Auch ich bekam von Verlagen zu hören, „das Thema wäre abgegrast“.

Also bleibt am Ende nur die Hoffnung, dass der Markt es schon richten wird und die Verkaufszahlen entscheiden zwischen sehr schlecht, schlecht und gut und sehr gut und herausragend. Das ist zwar weder gerecht noch objektiv, weil die meisten nicht über Mittel verfügen, entsprechende Werbung für ihr Werk zu machen. Die Erfahrung des Tagebuchschreibens bleibt letztendlich dem Pilger ebenso wie die Reflexion des Weges, die beim Schreiben noch einmal oder sogar mehrmals in Gedanken stattfindet. Und das allein ist doch die ganze Mühe schon wert.

PS

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