Kein Pilger ist wie der andere ...

Von tief oder weniger religiös über abenteuerlustig bis extrem sportlich ist jeder Typ vertreten

Für einen Pilger, der kein ausgesprochener Eigenbrötler ist und die Einsamkeit unter allen Umständen sucht, ist das Pilgern eine recht kommunikative Angelegenheit. Das hat gar nichts damit zu tun, ob einer bevorzugt gern allein den Weg geht oder in der Gesellschaft von Mitpilgern, die man überall treffen und kennen lernen kann. Das muss jeder für sich selbst entscheiden und entsprechend handhaben. Doch mit der Einkehr in die Herbergen am Weg am Nachmittag oder Abend des Pilgertages ist es notgedrungen vorbei mit der Individualität. Hier gelten geschriebene oder ungeschriebene Gesetze, an die sich jeder freiwillig hält. Das geht auch gar nicht anders beispielsweise in großen Schlafsälen ohne Trennwände mit an die hundert Schlafgesellen (Najera). Natürlich gibt es – wie überall im sonstigen Leben auch – Ausreißer, die „ihr Ding“ durchziehen wollen. Doch damit macht man sich schnell unbeliebt, und manchmal bekommt der Uneinsichtige das auch von der Gemeinschaft unverblümt gesagt.

An einem Grenzstein liegt die Ausrüstung eines Pilgers: Rucksack, Hut und Wanderstöcke

Ausrüstung eines Pilgers: Hut mit Jakobsmuschel, Trekkingstöcke (oder Wanderstab) und Wanderrucksack mit Iso-Matte und Schlafsack

Pilger kommen – und das war selbst im Mittelalter schon so – aus den unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft. Entsprechend verschieden sind auch die Motive und überhaupt die ganze Art und Weise, den Pilgerweg zu bewältigen. Insgesamt sind die Pilger, das liegt wohl in der Natur der Sache, ein friedliches Völkchen mit ausgeprägtem Hang zur Selbstdisziplin. Wer gut beobachtet, kann dennoch bald verschiedene Pilgertypen, ja Gruppen ausmachen. Doch selbst das ist eine Sache, die jeder aus seinem Blickwinkel sieht, die jeder also verschieden beurteilen kann.

Dieser Typ kämpft sich durch bis zum Ziel

Für mich kristallisierte sich als erste eine besondere Gruppe heraus. Ich nenne sie „die wahren Pilger“. Es ist völlig unerheblich, ob das anmaßend gegenüber anderen Pilgern ist; es dient ja nur zur Charakterisierung. Diese Pilger erkennt man an ihrer Kleidung und an ihrem Gepäck. Beides ist selten völlig neu, aber ganz erstaunlich praktisch aufeinander abgestimmt. Der Rucksack landet mit routiniertem Schwung auf dem Rücken und wird ebenso schwungvoll abgesetzt. Das Gewicht des Rucksacks pendelt meist oben an der Grenze dessen, was so empfohlen wird, aber ganz selten nur darüber. Dieser Pilger ist autark. Er hat alles, was er braucht, am Mann. Und man wird ihn niemals ohne seinen Rucksack sehen – außer zur Ruhezeit in den Herbergen, wo er generell übernachtet. Er wird auch niemals eine Strecke mit dem Bus oder einem anderen Fahrzeug zurücklegen und wenn die Füße noch so voller Blasen sind. Er beißt die Zähne zusammen und läuft sich die Füße wieder gesund.

Königliches Gehabe auch in der Neuzeit

Die zweite Gruppe bezeichne ich als „die gehobeneren Pilger“. Diese Gruppe ist nicht einheitlich. Sie ist so etwas wie ein Sammelbecken von verschiedenen Erscheinungsformen. Die Einen zeichnen sich zum Beispiel aus durch nagelneue Kleidung und ein eben solches Equipment. Das knarrt und quietscht alles förmlich noch, und der hohe Stand der Ausrüstung steht im krassen Gegensatz zum Vermögen dieser Pilgergruppe, damit fachgerecht umzugehen. Solche Pilger begleiten Dich nicht lange. Irgend wann sind sie weg. Man weiß nicht, ob sie aufgegeben haben oder ob sie mehrere Stationen mit dem Bus gefahren oder gar schon in Santiago wie auch immer angekommen sind.

Zur gleichen Gruppe zähle ich auch die folgenden Pilger: Ihre Ausrüstung ist manchmal neu, manchmal nicht, jedoch immer von einer gewissen Qualität. Sie sind in ihrem Wesen meist sehr umgänglich, suchen auf dem Weg Gesellschaft und Gespräch, und das hat einen Grund. Denn am Abend, wenn die anderen Pilger in den Herbergen in geselliger, fröhlicher Runde sitzen, sind sie meist allein. Das ist ihrer einzigen Macke geschuldet: Sie können oder wollen nicht in den einfachen Pilgerherbergen übernachten. Sie suchen sich ein Hostal oder ein kleines Hotel, schwärmen dann vom Bad in einer richtigen Badewanne, vom erlesenen Menü und vom Zimmer ganz allein – ohne Schnarcher und Raschler. Nun gut, es sei ihnen gegönnt. Schließlich pilgerten auf dem Jakobsweg ja auch Könige und Edelleute.

Vor der Pilgerherberge in Najera liegt ein müder Pilger und schläft

Pilgeridylle vor der noch geschlossenen Herberge in Najera, wo schlußendlich 96 Pilger in einem einzigen Raum schlafen (alle Fotos vom Autor)

Es geht einfach nicht schnell genug

Eine dritte Gruppe nenne ich „die sportlichen Pilger“. Die sind durchaus in der Mehrheit auch ganz nett, bleiben aber gerne unter Ihresgleichen. Da kann man besser angeben und fachsimpeln. Denn es geht immer um solche Fragen: Wie weit bist du gegangen? Wie lange hast du gebraucht? Was? Soooo lange? Soooo wenig Kilometer? Soooo viel Kilometer? Sie sind besessen, den Pilgerweg in so kurzer Zeit wie nur möglich zu schaffen. Also dreißig Kilometer oder mehr jeden Tag müssen es schon sein, sonst gehörst du nicht dazu. Es ist schwierig, diesen Pilgern etwas näher zu kommen. Sie sind gut trainiert und einfach viel zu schnell. Man trifft sie in einer oder höchstens in zwei Herbergen – dann sind sie weg. Und während ich noch darüber nachdenke, ob nicht ausnahmsweise mal zehn Kilometer genug sind, um die schmerzenden Füße zu schonen, da stehen diese Pilger wahrscheinlich schon kurz vor Santiago. Manche darunter hätte ich gerne näher kennen gelernt. Schade eigentlich.

Peter Schumann

 

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