Die Zauberhände der Amerikanerin

Pilgern in multikultureller Gesellschaft

Wer sich einmal entschlossen hat, den Jakobsweg zu gehen, der begibt sich in aller Regel in eine multikulturelle Gesellschaft. Schaut man sich die aktuellen Pilgerzahlen der letzten Jahre an, dann wird schnell klar, dass die Deutschen auf dem Jakobsweg von den ausländischen Nationen zwar knapp vor den Italienern und den Franzosen am stärksten vertreten sind, aber natürlich bilden die Spanier selbst die größte Gruppe. Doch das ist nur Statistik. Im wirklichen Leben auf dem Jakobsweg bedeutet das nicht, dass es der deutsche Pilger – und jeder andere ausländische natürlich auch – vorwiegend mit Spaniern zu tun hat. Spanische Pilger – und das können schon mal auch ganze Schulklassen sein – konzentrieren sich vor allem in den Sommermonaten, wenn Schulferien sind. In meiner Pilgerzeit zum Beispiel, also in den Monaten Mai und Juni, kann ich mich nur an eine einzige spanische Familie und ganz wenige einzelne spanische Pilger erinnern, denen ich immer wieder oder zumindest gelegentlich begegnete. Ich empfand das sogar als Mangel, denn ich wollte gern die Gelegenheit nutzen, mein Spanisch zu verbessern. Doch rund um mich eher Deutsche, Franzosen, Engländer, Italiener, Belgier, Amerikaner und vereinzelt aus anderen Nationen. Eine Familie, der ich oft begegnete, kam gar aus Malaysia.

Hunger und Durst führen zusammen

Auf dem Weg an sich ist jeder Pilger mehr oder weniger selbstbestimmt. Das heißt, er kann sich aussuchen, ob er alleine geht oder mit einem Kumpel, mit einem anderen Pilger, den er auf dem Weg kennen gelernt hat, oder mit mehreren, die eine kleine Gruppe bilden und immer zusammen gehen. Jeder pilgert sozusagen nach seiner Fasson. Ich spreche hier nicht über Pilger, die es hin und wieder auch gibt, die bewusst keine Kontakte wünschen, geschweige denn suchen. Der normale Pilger also, der alleine geht oder zu zweit oder in einer Gruppe – diese normalen Pilger haben irgendwann einmal unterwegs Hunger und Durst. Frühstück in den Pilgerherbergen gibt es nur selten, es sei denn, man ist in einer privaten untergekommen. Das hat dann seinen Preis. All die Anderen suchen sich die nächstgelegene Bar auf dem Weg und machen dort die erste Rast. Der folgt nach vielleicht zwei Stunden eine nächste, und nach einer weiteren Stunde oder auch zwei hat man in der Regel das Tagesziel, also die nächste Herberge zwecks Übernachtung erreicht. Das alles sind Punkte, wo selbstverständlich Begegnungen stattfinden, unabhängig von der Sprache, die der einzelne spricht. Es steht ja niemandem auf der Stirn geschrieben, wo er zu Hause ist. Zu Hause – ja, da erkenne ich zum Beispiel die Engländer, wenn sie schon im März, April im dünnen T-Shirt über die Strandpromenade bummeln. Klar, sie fühlen sich wohl, denn der englische Sommer ist auch nicht viel wärmer. Die Spanier und wir schütteln die Köpfe – verrückte Engländer.

Doch zurück zum Jakobsweg! Da kommt einer an und fragt etwas. Der andere versteht es nicht und fragt zurück. Es mischen sich welche ein, die helfen wollen, weil sie die Frage verstanden haben. Heiterkeit, weil alle durcheinander und in verschiedenen Sprachen reden. Doch es findet sich immer ein Weg. Das macht großen Spaß, und diese Grundheiterkeit liegt über dem ganzen Weg, wenn man es nur so empfindet und zulässt.

Sprachliche Barrieren sind kein Hindernis

Ich kam ja nach meinem ganz eigenen Weg immer am großen Fluss Ebro entlang erst in Logroño auf den sogenannten Französischen Weg. Bis dorthin war mir nur ein einziger Pilger begegnet. Am Abend in der Herberge lag im Etagenbett ein junger Mann aus Frankreich über mir. Natürlich wechselt man da einige Worte – in diesem Fall auf etwas Spanisch und etwas Englisch. Er kam aus Nantes. Das war insofern kurios, weil ich in Berlin in Französisch Buchholz im Stadtbezirk Pankow gewohnt habe und unsere Straße nach dieser französischen Stadt Nantesstraße hieß. Berlin und Nantes waren sogenannte Städtepartner. Von dieser Gemeinsamkeit wussten wir aber zum frühen Zeitpunkt unserer Begegnung noch nichts.

Von da an begegneten wir uns oft. Häufig bereiteten wir uns am Morgen zur selben Zeit auf die Tagesstrecke vor. Doch jeder ging allein. Der junge Mann lief ein völlig anderes Tempo als ich. Zufälligerweise hatten wir für lange Zeit stets das gleiche Tagesziel. Stück für Stück, trotz sprachlicher Barrieren, lernten wir uns ein wenig näher kennen, sprachen über dies und das. Es war in der Herberge von Castrojeriz, als der junge Franzose beim abendlichen Zusammensitzen zwecks Abendbrot und Unterhaltung über unangenehme Kopfschmerzen klagte. Das wiederum bekam eine ebenfalls noch recht junge Amerikanerin wie auch immer mit und mischte sich gleich ins Gespräch ein.

„Ich kann dir helfen“, meinte sie. „Ich gebe dir eine wunderbare Kopfmassage und die Schmerzen sind garantiert weg!“

Wir schauten uns ungläubig an. Neil, so hieß der junge Mann, war etwas verlegen.

„Mach das“, sagte ich zu ihm, „schaden kann es doch nicht, und sie ist sowieso sehr nett.“ Die Verlegenheit des jungen Mannes wuchs sichtlich, zumal sich weitere Pilger einmischten, um ihn zu ermuntern, sich den Zauberhänden der Amerikanerin doch anzuvertrauen. Schließlich siegte der Wunsch nach einer schmerzfreien Nacht – Neil willigte ein, und beide jungen Leute zogen sich zurück für die heilsame Massage. Ich sah ihn an diesem Abend nicht mehr; er hatte sich wohl gleich ins Bett gelegt. Die junge Amerikanerin gesellte sich später wieder zur Runde und ertrug gelassen und humorvoll die üblichen Witzchen, die solch ein Anlass bot.

Keiner trinkt gern den Wein allein

Am nächsten Morgen startete ich wieder zur gleichen Zeit wie Neil. Er war gut gelaunt. Der Kopf schmerzte nicht mehr. Die Zauberhände der jungen Amerikanerin hatten offensichtlich ganze Arbeit geleistet. Wir gingen zusammen los und trennten uns sogleich, denn er war ein jugendlicher Schnellstarter, und ich brauchte so meine Zeit, die noch müden Knochen und Muskeln wieder in Fahrt zu bringen. Und für eine ganze Weile blieb in meinem Kopf das Bild der unterschiedlichsten Menschen aus den verschiedensten Ländern gemeinsam an einem hölzernen Tisch beim Abendessen, wo keiner die Flasche Wein, die er zu diesem Zweck mitgebracht hatte, alleine trank ...

PS

 

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