Die Geschichte von den „wilden“ Hunden am Jakobsweg

Berechtigte, gut gemeinte Warnung oder nur eine Legende?

Ich mag Hunde! Auf diese Feststellung lege ich eingangs Wert, obwohl sie bereit jetzt einer kleinen Einschränkung bedarf. Ich mag fast alle Hunde. Fette Möpse und zerknautschte Doggen gehören beispielsweise nicht dazu. Ich weiß, das ist etwas ungerecht den Tieren gegenüber, denn diese können nichts für die perversen Fantasien einiger Züchter.

Doch hier geht es ja nicht darum, wie die Hunde ausschauen, sondern eher darum, wo sie sich aufhalten: Es geht um die Hunde auf dem Jakobsweg, und zwar auf dem Hauptweg, dem berühmten Französischen Weg.

Ausgangspunkt für diese kleine Betrachtung ist der bekannte Roman von Paulo Coelho „Auf dem Jakobsweg – Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela“. Wer dieses Buch kennt, der weiß, dass der Autor ständig im Hader mit irgend welchen Hunden lag. Im Gegensatz zu mir mochte er die Hunde nicht, warnte eindringlich vor ihnen, und in einem speziell sah er sogar den Teufel. In einem späteren Kapitel kämpft er gar mit diesem auf Leben und Tod. Nun gut – in der Fantasie kann ein Schreiber alles erdenken und behaupten. Ich nahm also diese Warnungen, als ich dann selbst auf dem Jakobsweg war, nicht besonders ernst.

Natürlich begegneten mir auf dem Weg unzählige Hunde. Die vielen kleinen Dörfer, durch die ich kam – da waren sie ebenso zu Hause wie bei und in Peñiscola. Ich kann mich jedoch, bevor der Weg schließlich durch Galizien führte, nicht an einen einzigen frei laufenden Hund direkt auf dem Weg erinnern. Bis dahin gehörten also alle Berichte über die „wilden“ Hunde am Jakobsweg für mich jedenfalls ins Reich der Fantasie eines Schriftstellers, ins Reich der Legenden, die der Jakobsweg ja ohnehin so zahlreich hat.

 

Dann kam Galizien, dieses ohnehin etwas andere Gebiet, wo so viele Dinge anders sind als sonst wo in Spanien. In der Folkloremusik dominiert der Dudelsack, die Dörfer sehen anders aus, die Häuser auch. Es ist alles sehr grün, und es gibt reichlich Wasser. Und es gibt viele Hunde.

Die erste Begegnung mit einem frei laufenden Hund, es war eine Schäferhündin, hatte noch friedlichen, harmlosen Charakter. Ich hatte den Fehler gemacht, die Hündin anzusprechen. Das hatte zur Folge, dass ich sie die folgenden zwei Kilometer nicht mehr los wurde. Sie umkreiste mich förmlich, war mal vor mir, mal neben mir, mal hinter mir. Sie sah lieb aus; ich hatte keine Angst. Dann war wohl ihre Reviergrenze erreicht. Sie blieb stehen, sah mir lange hinterher, trollte sich schließlich zurück.

Hochmut kommt vor dem Fall

Der nächste Fall war nicht so leicht. Ich kam durch eine Art Hohlweg auf eine große offene Koppel. Am Ende des Koppelzauns lag malerisch ein wunderschöner Schäferhund mit etwas längerem Fell. Er war angebunden. Die Länge der Leine schien so bemessen, dass der Hund nicht bis auf den Weg gelangen konnte. Doch er hatte auch gar kein Interesse an mir. Direkt vor mir auf dem Weg lief ein anderer großer Schäferhund aufgeregt hin und her. Der war nicht angebunden. Das erkannte ich sofort. Als ich näher kam, stellte er sich mir in den Weg, fletschte die Zähne, knurrte drohend – die Nackenhaare sträubten sich ordentlich. Ich wusste: Der meinte es ernst! Die Schöne am Koppelzaun war eine Hündin und er der vermeintliche Beschützer.

Ich hielt meine beiden Trekkingstöcke mit den Spitzen auf ihn gerichtet, vollführte in dieser Haltung einen Bogen um ihn herum, so dass ich mit dem Rücken jetzt zum nahen Dorf stand. Ich entfernte mich rückwärts ein wenig von ihm, er setzte sprungweise nach für eine Weile, bis er wahrscheinlich der Meinung war, jetzt wäre genügend Abstand zwischen mir und seinem Objekt der Begierde. Da ließ er plötzlich von mir ab und lief zurück zu seiner Auserwählten. Ich hatte die ganze Zeit – das ist wirklich nicht gelogen – keine Angst.

Mit einem Schreck davongekommen

Dennoch war ich froh, nach ein paar Metern endlich im Dorf zu sein, wo vielleicht der eine oder andere Halter zu Hilfe kommen könnte in einer ähnlichen Situation. Da lag ich aber so etwas von daneben. Kaum war ich an zwei, drei Gehöften vorbei, da sprangen schon wieder unter wüstem Gebell gleich zwei prächtige Schäferhunde direkt vor meiner Nase mühelos über den Zaun auf die Straße. Sie jagten mir einen ordentlichen Schreck ein, waren jedoch zum Glück überhaupt nicht an mir interessiert, sondern an einem anderen Rudel Hunde, die sich auf der Dorfstraße balgten. Von den Bewohnern war weit und breit nichts zu sehen. Ich begegnete außer den auffallend vielen Hunden noch zwei finster dreinschauenden Männern, die mich nicht ansahen und nicht grüßten, was völlig ungewöhnlich ist. Hier und auch in dem kleinen Nest, das sich gleich unmittelbar an dieses anschloss, fühlte ich mich keinen Augenblick lang wohl. Als ich anderen später darüber berichtete, meinten sie, es gäbe in dieser Gegend so eine Art Mafia, mit der nicht gut Kirschen essen sei. Wahrheit? Legende?

Peter Schumann

 

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