Mein Stubentiger Odin und der Jakobsweg

Das Märchen vom beruhigenden Einfluss eines Katers

Was haben mein Kater Odin und der Jakobsweg überhaupt miteinander zu tun? Wenn man sich aufmacht, ein größeres literarisches Projekt im Internet zu starten, dann sitzt man zwangsläufig viel vorm Bildschirm des Computers. Immerhin umfasste das Projekt damals mein Jakobsweg-Buch mit dem Titel  „Ein Heide auf dem Jakobsweg“ sowie zehn Internetseiten. Sie dienen einerseits dem Marketing des Buches, bilden andererseits jedoch eigenständige Beiträge zu einem literarischen Gesamtprojekt zum Thema Jakobsweg. Immerhin konnte der Besucher außer in 21 verschiedenen Leseproben auch in weiteren 44 thematischen Betrachtungen zum Jakobsweg stöbern. Und das wurde im Laufe der Zeit immer mehr, obwohl die Zahl der Internetseiten aus Optimierungsgründen verringert wurde. Betrachtet der jeweilige Besucher obendrein die Linklisten, über die jede einzelne Seite verfügt, kann er in vielen weiterführenden Links zum Thema Jakobsweg und darüber hinaus fündig werden. Daraus ergibt sich insgesamt ein beachtliches Potential an Informationen, das den interessierten, neugierigen Besucher viele Stunden lang beschäftigen kann - wenn er es so will.

Wo ist nun der Zusammenhang mit meinem Kater Odin? Nein, ich hatte ihn nicht dabei bei meiner Pilgertour auf dem Jakobsweg. Das würde ich auch ernsthaft niemandem raten. Ich hatte einige Male bei Twitter oder auch bei Facebook gepostet, dass mein Kater hinter meiner Tastatur liegt und schläft, während ich an meinem Buch arbeitete. Das stimmte auch, war aber nur die halbe Wahrheit. Im Folgenden erzähle ich nun die ganze Geschichte:

unser Waldkater sitzt im Gras im Garten  Waldkater Odin sitzt in einer Einkaufstüte

Vor etwa sechs Jahren kamen meine Tochter und ihr Freund mit einer Überraschung zu uns. Der junge Mann hatte unbedacht einen zwei Monate jungen norwegischen Waldkater gekauft. Beide junge Leute stellten bald fest, dass sie weder die Zeit noch den Raum hatten, den so ein hilfsbedürftiges kleines Geschöpf braucht. Die im wörtlichen Sinn wirklich naheliegendste Lösung waren also wir - die Eltern. Und so wurden wir praktisch ungewollt Oma und Opa des winzigen Waldkaters, der sogar schon einen Namen hatte - Odin. Welch bedeutender Name für solch einen kleinen Kerl: Odin, neuhochdeutsch auch Wotan, die oberste Gottheit in der nordischen Mythologie.

„Die Norwegische Waldkatze ist eine sehr ursprüngliche, über lange Zeiträume ohne gezielte züchterische Einflussnahme entstandene regionale Hauskatze Norwegens und wird daher den „natürlichen Rassen“ zugerechnet. Sie wird manchmal auch kurz als Norweger bezeichnet. Die Norwegische Waldkatze ist groß, robust und hat halblanges Fell mit einem ausgeprägten buschigen Schwanz und einer deutlichen Halskrause.“ (nach Wikipedia)

Der Start mit unserem neuen Mitbewohner war alles andere als optimal. Ich war es gewohnt, oft weit nach Mitternacht noch einmal auf die Gartenterrasse zu gehen, ein paar Dehnübungen zu machen und tief Luft zu holen. Das dauerte nicht einmal zehn Minuten. Am nächsten Morgen suchten wir im ganzen Haus nach unserem Katerchen - ohne Erfolg. Noch dachten wir an nichts Schlimmes; so ein kleiner Kater kann sich überall gut verstecken. Doch mit der Zeit wurde die Stimmung sorgenvoller. Ich kam auf die Idee, auch außerhalb des Hauses zu suchen, zuerst natürlich im Garten. Nichts! Dann öffnete ich die Eingangstür und sah dort nach. Zuerst fiel mir nichts auf, doch als ich wieder ins Haus gehen wollte, sah ich ihn. Er lag als kleines, unscheinbares graues Knäuel in der Ecke unterhalb der Eingangsstufe und rührte sich nicht. Als ich ihn anfasste und in die Hände nehmen wollte, schrie er wie ein kleines Kind und wehrte sich. Es half nichts. Ich musste mich durchsetzen. Ich hielt ihn trotz seiner Gegenwehr fest und wusste: Da ist irgend etwas passiert. Und dann sah ich es auch schon. In der rechten Vorderpfote klaffte eine tiefe Wunde, die blutete. Schnelles Handeln war jetzt angesagt. Wir legten einen notdürftigen Verband an und fuhren ins Dorf zum Tierarzt. Es begann eine lange Zeit der Fürsorge und Pflege für den kleinen Kerl. Weil er eine Halsmanschette tragen musste, um nicht an die offene Wunde gelangen zu können, fütterten wir ihn notgedrungen eine Zeitlang aus der Hand. Die Versorgung der Wunde übernahm ich, weil es nicht sehr angenehm war, sie mit antiseptischer Lösung und mit einer antibiotischen Creme zu versehen. Aus dieser Zeit wohl, die an die neun Monate andauerte, stammt die unglaubliche Anhänglichkeit dieses Tieres, über die ich im Folgenden berichten will.

Walkater Odin liegt auf seinem Platz im Wohnzimmer  Kater Odin liegt auf einer orangefarbenen Decke und schläft

So unterschiedlich er auch aussehen kann - es ist immer derselbe norwegische Waldkater Odin (alle Fotos vom Autor)

Über seltsame Fress- und Trinkgewohnheiten

Unser Kater Odin hat ein Problem: Er kann oder will nicht alleine fressen. Damit jedoch ist es auch unser Problem, besonders meines, weil ich wahrscheinlich für ihn so etwas wie das Alpha-Tier bin. Als ob er es genau wüsste, sucht sich Odin für seine Fresszeiten immer solche aus, in denen ich mich gerade auf irgend eine Sache besonders konzentriere. Ich sitze zum Beispiel wie eben jetzt am Computer und schreibe eine Geschichte. Da bemerke ich ein ganz leises Kratzen am linken Bein. Ich weiß natürlich sofort: Der Kater will etwas von mir. Wenn ich nicht reagiere, wird das Kratzen etwas eindringlicher, heftiger, bis ich schließlich um meine Hose fürchten muss. Auch gut Zureden, Streicheln und Kraulen am Kopf des Tierchens verdrängt das Problem nur für Minuten. Ich stehe also auf und verlasse mein Zimmer - in Begleitung eines triumphierenden Katertieres.

Beim Fernsehen ist es ähnlich, aber doch auch anders. Wenn ich mal gemütlich auf der Couch sitze oder halb liege, kommt Kater Odin und setzt sich zwischen mich und den Fernseher. Das macht er mit Vorliebe dann, wenn mal gerade etwas Gutes läuft - ein spannender Film oder eine interessante Reportage zum Beispiel. Eigentlich könnte ich bequem über ihn hinwegsehen; das geht jedoch nicht so einfach. Er starrt mich unverwandt an, ich spüre diesen Blick, die Konzentration ist hin. Falls ich nicht reagiere, fängt er leise an zu mauzen. Das klingt jedoch so schrecklich, dass man meinen sollte, das arme Tier würde jeden Augenblick Hungers sterben. Letzten Endes halte ich es nicht mehr aus und wähle das kleinere Übel einer kurzen Unterbrechung des Fernsehabends. Ich stehe also auf und gehe die paar Schritte bis zur offenen Küche, wo sein Fressnapf steht. Jetzt solltet ihr mal den Kater sehen: Stolz und mit schwungvoll nach oben gerichteter Rute geht der gerade noch jämmerlich Weinende voran.

Doch ihr dürft jetzt nicht denken, dass der Kater zum Fressnapf in der Küche geht. Das wäre doch zu einfach. Nein - die Treppe hinauf, auf einem kleinen Flur, steht ein weiterer Fressnapf und eine Schale mit frischem Wasser. Dort geht er selbstbewusst hin und ich notgedrungen hinterher. Da steht auch ein kleiner Hocker. Herr Odin setzt sich vor seinen Napf und blickt mich erwartungsvoll an. Erst, wenn ich mich gesetzt habe, fängt er an zu fressen. Dabei wird sein Schnurren, das üblicherweise Wohlbehagen und Zufriedenheit verrät, immer lauter. Ich ertappe mich dabei, dass ich Angst habe, er könne sich verschlucken. Ich weiß nicht, wie diese Tiere das machen - Fressen und Schnurren gleichzeitig ...

Jetzt kommt eine Situation, in der jeder stolze Besitzer eines solchen Katers stark sein muss. War ich doch eben noch die anscheinend wichtigste Person für dieses Tier - in dem Augenblick, wo er satt ist, ignoriert er mich. Er geht, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, seinen Trieben nach und sucht sich einen Platz zum Putzen oder zum Schlafen. Manchmal will er noch trinken. Soll er doch, denken da wohl die meisten, unbedarften Nichtbesitzer einer Katze. Unser Kater trinkt nicht gerne aus einer Schale oder einem Napf. Sagen wir es mal so: Er mag stehendes Wasser nicht. Er kommt ja ursprünglich aus dem Wald - also die Gene seiner Vorfahren. Und da Katzen klug sind und gute Beobachter, springt er flugs in die Badewanne und schaut mich abwartend an. Ich drehe ihm den Wasserhahn für einen ganz dünnen Strahl auf - Odin fängt genüsslich an zu trinken.

Fazit: Natürlich liegt er oftmals ganz ruhig hinter meiner Tastatur und tut nichts als schlafen. Das ist schon beruhigend, zumindest keinesfalls störend, obwohl er auch ganz leise schnarchen kann. Doch andererseits regt mich der Kater oft auf  und bringt mich aus meiner Gedankenwelt. Dass solch ein eigenwilliges Tier einen beruhigenden Einfluss auf uns Menschen haben soll, halte ich inzwischen doch eher für ein schönes Märchen ...

PS

eine gezeichnete Katze reibt sich an Buchstaben

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