Denke einen guten Gedanken ...

In der Phantasie kannst du alles erreichen

Dann kommt der Pfarrer. Er wirkt etwas verschlossen, wie mit großen Sorgen belastet. Er ist in sich gekehrt und redet nicht viel. Er bittet mich ins Haus. Wir steigen eine normale Treppe nach oben, dann eine knarrende Stiege bis unters ausgebaute Dachgeschoss. Hier befinden sich auf einem kleinen Flur drei Zimmerchen mit sehr unterschiedlicher Ausstattung. In einem der Kämmerchen liegt nur eine Matratze auf dem Boden. Ich bekomme dagegen eines mit breitem Bett, Tisch und Schrank. Der Pfarrer legt sogar ein frisches Laken und ein sauberes Handtuch bereit. Natürlich kann ich hier bestens schlafen. Mehr braucht ein peregrino wirklich nicht.
 
Der Pfarrer hat nicht viel Zeit. Nur ein kurzes Gespräch über das Woher und Wohin wie üblich. Auch nach meinem Beruf fragt er und nach den Gründen, warum ich diesen Weg gehen will. Als er hört, dass ich Journalist bin, öffnet er ein weiteres Zimmer im unteren Bereich. Es beherbergt eine kleine Bibliothek.
„Setz dich hier hinein, wenn du Ruhe brauchst und etwas aufschreiben willst“, sagt er, bevor er geht. Er wirkt tatkräftig, still und zurückhaltend zugleich. Und doch merke ich an der Art, wie er sich bewegt und was er zu mir sagt, dass er gern hilft und dass diese Hilfe aus seinem Innersten kommt.
Wenn ein geschützter Raum das Wort refugio je verdient hätte, dann wäre es diese kleine Bibliothek hier für mich. Mächtige Folianten stehen in langen Holzregalen ringsum an den Wänden. Alles ist in dunklen Farben gehalten, braun und schwarz. Es erscheint trotzdem nicht düster, atmet Ruhe und Größe, obwohl das Zimmer doch so klein ist. Über Jahrhunderte altes Wissen ist in einem winzigen Raum versammelt. Das wirkt in keiner Weise fremd oder gar bedrohlich, obgleich ich mir gut vorstellen könnte, dass hier noch Bücher lagern, in denen es um Inquisition und Hexenverbrennung geht.
 
Ich setze mich an den Tisch in der Mitte des Zimmers und empfinde die Bücherwände wie einen Schutz, der mich undurchdringlich umgibt. Mir kommt die Geschichte von Peter Pan in den Sinn: Denke einen guten Gedanken, und du kannst fliegen! In diesem Raum, glaube ich, kann man nur gute Gedanken haben. Sie fliegen durch das geöffnete Fenster in die Nacht, durch die nun dunklen Gassen von Agoncillo hin zur mächtigen Wasserburg. Dort liegt noch immer in einem tiefen, tiefen Brunnen ein goldener Ring als Zeichen der unbesiegbaren Liebe eines Mädchens. Es kann kaum schöner gewesen sein als meine junge Begleiterin vom Nachmittag ...
Es ist einer jener Momente, die man allzu gerne festhalten möchte. Leider gelingt das nicht in diesen kurzen, unwiederbringlichen Augenblicken. Es bleibt ein Gefühl des Bedauerns zurück, weil es nicht ewig andauern kann. Trotzdem ist dir sofort bewusst, Großartiges erlebt zu haben. Teilbar ist es wohl kaum, denn Worte können es nur unvollkommen beschreiben.
Ich nehme mein Tagebuch, lege es auf den Tisch und trage wenigstens die Geschehnisse der vergangenen zwei Tage ein. Dann schaue ich mich noch einmal um, verlasse den Raum zögernd. Ich muss mich jetzt, ob ich will oder nicht, um profanere Dinge, zum Beispiel um meinen körperlichen Zustand, kümmern. Der nächste Tag braucht noch ein wenig Vorbereitung.
 

Die alte Wasserburg in Agoncillo im Zentrum des Städtchens

Die alte Wasserburg im Zentrum von Agoncillo, um die sich viele Legenden ranken. (Foto: vom Autor)

Er wäre wohl gern mit mir gekommen

Halb neun verlasse ich das gastliche Pfarrershaus, dessen Tür tatsächlich stets offen steht – auch jetzt am Morgen. Es ist wie immer zu früh, denn keine einzige Bar oder irgend ein Geschäft im Städtchen haben um diese Zeit schon geöffnet. Nach dem gestrigen Sonntag jedoch brauche ich Lebensmittel und vor allem Getränke, bevor ich mich auf den Marsch begeben kann.

Zwar sind es bis Logroño nur fünfzehn Kilometer, doch ohne Wasser und ohne jede Verpflegung können auch die zur Qual werden. Die spanische Sonne kann vor allem ab Mittag unerbittlich sein. Ich vertreibe mir ein wenig die Zeit und mache noch Fotos von der alten, von Legenden umwobenen Wasserburg des Ortes und von der Kirche. Ich zähle allein auf der vorderen Seite des Daches und auf den hohen Türmen, vom Kirchplatz aus betrachtet, dreizehn Nester von Weißstörchen. Alle sind selbstverständlich gut besetzt.

Als die kleinen Läden endlich öffnen, mache ich rasch meine notwendigen Besorgungen und verlasse Agoncillo hangabwärts über eine schmale Fußgängerbrücke. Der Schatten dieser Brücke fällt nirgendwo in lebendig fließendes Wasser, sondern lediglich auf einen trockenen, grauen Betonkanal.

Im Schatten, schräg unter der Brücke, liegt ein stattlicher, weißer Hund und schläft. Unwillkürlich denke ich an die Geschichten mit den gefährlichen, wilden Hunden, von denen Paulo Coelho in seinem Roman berichtete. Speziell einer darunter verkörperte für ihn wohl so etwas wie den Teufel. Ich sage also vorsichtshalber laut:

„Hallo, alter Junge, wie geht ´s?“

Das Tier, ein Labrador vielleicht, hebt den Kopf und sieht mich mit treuen, braunen Augen ruhig an.

„Komisch!“ denke ich und finde den Gedanken im selben Augenblick sofort mehr als abwegig, „Irgendwie erinnern mich seine Augen an die des hübschen, blonden Mädchens von gestern.“

Ich gehe langsam, ins Nachdenken vertieft, weiter. Dabei lässt mich die ganze Zeit das Gefühl nicht los, der Labrador wäre ganz gerne mit mir gekommen, wenn er dafür nicht diesen bequemen Platz im Schatten unter der Brücke hätte aufgeben müssen ...

 

Die Stadt der Störche ...

und der meisten Zwillingsgeburten in Spanien

Neben der Autobahn sind kilometerweit kleine Wäldchen neu angepflanzt. Die Pinien sind schon so hoch, dass sie bis in Kopfhöhe so gut wie keine störenden Äste mehr tragen. Ich entdecke, dass man statt auf der Autobahn genauso dort laufen kann, über ein weiches Gemisch aus Moos und Piniennadeln wie auf einem Teppich. Das ist Balsam für die wunden Füße. Erholsam für den Kopf ist es gleich noch obendrein, denn die lichten Bäume spenden etwas Schatten.

Ich erreiche auf diese ganz spezielle Art Alfaro. Die Füße brennen zwar immer noch, doch nicht mehr so stark wie bei den Etappen zuvor. Im äußerst lebendigen Zentrum von Alfaro gibt es ein kleines Touristenbüro. Es ist mit einem freundlichen, jungen Mädchen besetzt. Ein kurzer Plausch mit ihr, und sie gibt mir ohne weitere Nachfragen den Schlüssel zur Herberge und einen Stadtplan, damit ich den Weg finde. Das ist kein Problem für mich. Sogar für Sicherheit ist gesorgt. Gleich nebenan hat die policia local ihren Sitz.

Alfaro ist nicht ganz so groß wie Tudela, aber mindestens genauso sehenswert und schön. Die Kathedrale San Miguel besticht nicht allein durch ihre gewaltigen Ausmaße. Auf den verwinkelten Dächern der Kirche finden sich an jedem nur denkbaren Fleckchen Storchennester. Alfaro besitzt die größte Population von Weißstörchen in ganz Spanien.

Allein auf den Dächern von San Miguel, also mitten im Zentrum der Stadt, leben einhundertzwanzig Storchenfamilien. Das wäre die größte zusammenhängende Storchenkolonie der Welt! So jedenfalls hat es mir die nette junge Dame in der Touristeninformation erzählt. Ständig kreisen die weißen Vögel über den Köpfen der Einwohner. Wenn die Störche auf ihren Nestern sitzen, hört man das laute Geklapper ihrer Schnäbel – eine Unterhaltung der besonderen Art.

Was mir die junge Dame nicht berichtete: Alfaro ist zugleich die spanische Stadt mit der höchsten Zahl an Zwillingsgeburten. Gibt es da etwa einen Zusammenhang?

In der Herberge, ein kleines Reihenhaus übrigens, bin ich ganz allein. Das war in den zurückliegenden Tagen auch nicht anders. Der Zahl der Betten nach könnten zehn bis zwölf weitere Gäste hier schlafen. Doch bis zum heutigen Tag begegnete ich keinem einzigen anderen Pilger. Ich denke, das wird sich bald ändern, wenn ich erst auf dem französischen Weg bin.

Ich laufe rasch noch einmal bis in die Innenstadt hinein und versorge mich mit Abendbrot für heute und Verpflegung für die kommenden Etappen. Zurückgekehrt in die Herberge, esse ich etwas zu Abend, pflege meine wunden Füße und blättere im Gästebuch. Den mehr oder weniger geistreichen und humorvollen Einträgen zufolge scheinen durchaus auch andere Pilger hier einzukehren.

Der Morgen beginnt heute so ruhig, wie der Abend gestern endete. Ich gebe den Schlüssel zur Herberge, wie das mit der Hübschen vom Touristenbüro abgesprochen war, gleich nebenan bei der Polizei ab und wandere aus der Storchen- und Zwillingsstadt. Erst geht es über Asphalt, dann folgt ein Kieselweg, wie ich ihn eigentlich nicht mag. Als ich an eine Kreuzung komme, lädt ein uralter, knorriger Olivenbaum in der Nähe förmlich zur Rast ein. Ich setze mich in seinen Schatten, lehne mich an eine fast glatte Stelle des urwüchsigen, mehrfach verwundenen Stammes, um ein wenig auszuruhen.

 

Wir waren Blutsbrüder im Geiste

Bücher kennen keine Grenzen

Anfangs las ich alles, was ich in die Hände bekommen konnte. Dann zeigten sich doch schon gewisse Vorlieben. Bald kannte ich so ziemlich alle klassischen Märchen und die weniger klassischen auch. Das war damals spannende und abenteuerliche Unterhaltung genug für einen Jungen in der zweiten und auch noch in der dritten Klasse. Heute ist das natürlich anders.

Später entdeckte ich Helden, die nicht aus den Seiten der Märchenbücher stammten. Bücher kennen ja keinerlei Grenzen! Sie können dich mit deiner Fantasie in jedes Land der Erde tragen. Eine andere, unbekannte Welt tat sich für mich auf: das Leben, die Sitten und die Bräuche, vor allem der heroische Kampf der Indianer Nordamerikas. Es war doch völlig klar, auf wessen Seite wir standen. Wir liebten heißen kindlichen Herzens die legendären Indianerhäuptlinge Sitting Bull und Grazy Horse und gönnten General Custer bei der historischen Schlacht am Little Big Horn die schmähliche Niederlage.

Konflikte sind manchmal unvermeidlich

Wir – das waren fünf oder sechs Jungs meiner Klasse. Uns verbanden gleiche Auffassungen, wir wohnten nahe beieinander auf einem überschaubaren Territorium. Das war damals durchaus von einer gewissen Bedeutung, wenn es um spontane Aktionen oder Unternehmungen ging. So etwas wie Mobiltelefone gab es ja längst noch nicht. Wir verbrachten sehr viel Zeit zusammen, auch außerhalb der Schule. Selbst ohne jene martialische Zeremonie des Ritzens waren wir doch Blutsbrüder im Geiste. Statt uns die Arme aufzuschneiden, suchten wir lieber eine mächtige Eiche im Zeitzer Forst. Es wäre einen Versuch wert, nachzuschauen, ob unser Schwur noch heute in der Rinde zu finden ist.

Natürlich blieb uns nicht erspart, diesen oder jenen Konflikt manchmal auch mit den Fäusten auszutragen. Das ist unter Jungs in einem gewissen Alter so gut wie unvermeidlich. Sobald aber ein Gegner am Boden lag, galt es als feige und gemein, weiterhin auf ihn einzuschlagen, geschweige denn nach ihm zu treten. Keiner von den Beobachtern, die immer bei einem solchen Streit dabeistanden, hätte das toleriert!

Offen für jeden, der es wollte

Was für ein Unterschied zu heutigen Bildern, wie ich sie manchmal im Fernsehen betrachten kann. Da wird auf den wehrlosen Menschen, der bereits am Boden liegt, noch mit superharten Springerstiefeln eingetreten. Und zumeist sind es gleich mehrere Feiglinge, deren Gewalt sich gegen einen einzelnen wendet. Oftmals hatte der einfach nur das Pech, im falschen Augenblick am falschen Ort gewesen zu sein.

Zu keiner Zeit richtete sich unser Gruppengeist gegen den Rest der Klasse oder sonst irgendwen. Wir waren offen für jeden. Wer wollte, konnte dazugehören. Es kam nicht im geringsten darauf an, wie er aussah und was er besaß. Markenklamotten, diese unsägliche Erfindung der Neuzeit zur besseren Unterscheidung zwischen Arm und Reich, spielten keine Rolle. Es war von Belang, was einer dachte und wie er sich verhielt im Leben.

 

(Auszüge aus dem Buch "Ein Heide auf dem Jakobsweg")

 

 

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