Meine Heimatstadt Zeitz

Erinnerungen an fröhliche Kinder- und Jugendzeit

Meine Geburtsstadt Zeitz liegt malerisch im Tal der Weißen Elster. Eigentlich liegt sie nicht allein im Tal. Es gibt eine Unterstadt, die sich sowohl am rechten als auch am linken Ufer des Flusses gruppiert, und eine Oberstadt, die sich am Berghang hinaufzieht und auch noch über dessen Kuppe hinausreicht.

In meiner Kindheit hieß sie einfach Zeitz und war eine Kreisstadt. Heute nennt sie sich vornehm Dom- und Residenzstadt im Burgenlandkreis. Vielleicht soll das ein Trost  sein für die vielen Verluste, die sie erlitten hat. Doch davon später.

Weiße Elster hieß es schon immer, obwohl ich den Fluss nie sauber und hell erlebt habe. Doch der Name dient wohl nur zur Unterscheidung mit der Schwarzen Elster, die von der Lausitz kommend in die Elbe führt. Als Kind habe ich die Weiße Elster des öfteren über ihre Ufer treten sehen. Teile der Unterstadt, besonders im Bereich des Mühlgrabens und der Freiligrathstraße, standen dann schon mal für Tage unter Wasser.

Das spätgotische Zeitzer Rathaus mit hoehem Turm und Rathausplatz  Zeitzer Stadtwappen mit Siegfried dem Drachentöter

Weit mehr als tausend Jahre alt

Ich verließ meine Heimatstadt mit achtzehn Jahren. Da musste ich zum Militärdienst. Zwei Jahre später erlebten die Stadt und ihre Bürger die Tausend-Jahr-Feier. Ich war auch dabei. Und das ist nun schon einige Jahrzehnte her. Bischöfe und Herzöge haben die Stadt regiert und zu ihrer Residenz gemacht. Geschadet hat das der Stadt wohl nicht, wenn man die kriegerischen Auseinandersetzungen mal außen vor lässt. Der Zeitzer Dom, in dem übrigens Georgius Agricola ruht, die Michaeliskirche, die Moritzburg, das Rathaus mit seinem gotischen Giebel und dem mächtigen Turm, wunderschöne Bürgerhäuser aus der Gründerzeit in der Innenstadt – das alles zeugt von der bedeutsamen Geschichte und vom einstigen Wohlstand.

 Als ich neulich, nach langer Abwesenheit endlich wieder mal die Zeit fand, meine Geburtsstadt auf eben jenen Wegen zu erkunden, die ich als Kind des öfteren ging, waren meine Gefühle zwiegespalten. Einerseits erkannte ich manche Häuser – und es waren nicht wenige – kaum wieder, so wunderbar waren sie rekonstruiert und mit leuchtenden Farben gestaltet. Das hatte die DDR leider nicht geschafft, denn Zeitz liegt ja im Süden Sachsen-Anhalts, ist also ein sogenanntes neues Bundesland, obwohl es  geschichtlich gesehen nicht jünger ist als die alten. Andererseits konnte der Anschluss an die reiche Bundesrepublik den drohenden Verfall der Altstadtsubstanz auch nicht gänzlich stoppen. Inwieweit das Abschmelzen der Bevölkerungszahl von gut 45.000 auf jetzt gerade mal 25.900 durch das Wegschlagen von ökonomischen Strukturen nach der „Wende“ wie mit einer großen Sense damit zu tun hat, will ich mal dahingestellt sein lassen. Was jedenfalls mit Zekiwa, einst Europas größte Fabrikationsstätte für Kinderwagen, geschah, ist gelinde gesagt, eine Schande für die sogenannte Vereinigungspolitik.

Die Michaeliskirchen von Zeitz mit ihren sieben Türmen  Der Neumarkt mit seinen schönen Häusern und einer Laterne

Oben: Rathaus und Wappen der Stadt Zeitz; Mitte: Michaeliskirche und Neumarkt

 Wie überall, wo ökonomische Strukturen wegbrechen, versucht man auch in Zeitz verstärkt einen wenigstens teilweisen Ausgleich durch die Verstärkung der touristischen Anziehungskraft zu erreichen. Für dieses Ziel hat Zeitz gute Karten, obwohl ich nicht glaube, dass allein damit die ehemalige wirtschaftliche Leistungskraft jemals wieder erreicht werden könnte. Zeitz hat zur Zeit, als diese Seite hier entsteht, einen Bürgermeister von der FDP. Der mag ja gar nicht schlecht sein, dennoch liegt das total außerhalb des bundesweiten Trends, was die Zustimmung zur FDP betrifft. Aber so etwas kommt heraus, wenn sich nicht einmal mehr 36 Prozent der Zeitzer Bürger für die Wahl überhaupt interessieren. Trotzdem kann man nicht einfach sagen: Selber Schuld! Es ist letzten Endes ein Beweis dafür, dass die sogenannte freiheitliche Demokratie ihre Defizite hat, die besonders im polarisierenden Osten deutlicher zutage treten.

Immerhin verfügt die Stadt über eine besondere Attraktion: das unterirdische Zeitz. Es handelt sich dabei um ausgedehnte Katakomben, von 200 bis 300 Gangsystemen ist die Rede, die der Bierlagerung dienten. Ein Teil davon ist für Besucher bereits zugänglich gemacht worden. Und eines weiß ich aus Erfahrung: Die Zeitzer sind ein offenes, freundliches Völkchen, das sich nicht so schnell die Butter von der Bemme nehmen lässt.

Peter Schumann

Blick durch einen Straßenzug zum Rathaus  Die rote Backsteinfassade der Diesterweg-Oberschule

Die Fussgängerzone in der Oberstadt mit vielen Geschäften und Kaffees  Eine sehr enge Gasse zwischen zwei Häusern

Obere Reihe: Durchblick durch die Fischerstraße zum Rathaus, Diesterweg-Oberschule, unten: Fußgängerzone Roßmarkt und die schmalste Gasse von Zeitz, die Luthergasse (alle Fotos vom Autor)

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