Pilgerschicksale auf dem Weg

Lustiges und Trauriges dicht nebeneinander

Die Herberge von Santa Irene befindet sich direkt an der Straße. Sie ist annehmbar ausgestattet wie die meisten. Es gibt in der Nähe keine Versorgungsmöglichkeit, doch das wusste ich bereits. Meine Vorräte reichen aus für die eine Nacht. Der Halt in Santa Irene ist eher taktischer Natur. Morgen werde ich noch einmal eine kürzere Strecke gehen, so etwa achtzehn oder neunzehn Kilometer bis zum Monte Gozo. Von dort aus sind es fünf Kilometer bis nach Santiago de Compostela.

Eines ist mir vollkommen klar: Der Weg hat seine klerikalen Rituale. Aus manchen kann und will ich mich als Heide, der ich bin, heraushalten, aus manchen nicht. Sie gehören zum Jakobsweg wie das Salz zur Suppe. Sonst wäre das Ganze am Ende ja doch „nur“ ein Wanderweg, eine sportliche Herausforderung. Das allein war es wirklich nie für mich. Der Weg atmet fühlbar die jahrhundertealten Traditionen der Jakobspilger. Das kann jeder wahrnehmen, der nicht blind und taub ist und ignorant gegenüber den deutlichen Zeichen am Wegesrand. Das sind für mich, den Heiden, in erster Linie von Menschenhand geschaffene Werke, größere oder ganz kleine, und keine übersinnlichen Erscheinungen. Das mag einmal ein kleines, steinernes Kreuz sein oder ein schlichtes Pilger-Grabmal am Rande. Ein anderes Mal ist es eine gewaltige Kathedrale oder eine riesige Klosteranlage oder eine bescheidene Dorfkirche, eine Säule, eine Statue. Manchmal ist es nur ein Name, der die Zeit überdauert hat, eine Legende, eine Geschichte, ein einziges Wort: Ultreya! Immer vorwärts! Weiter!

Übermorgen, auf der letzten Etappe, will ich unbedingt vor der Mittagszeit in Santiago sein. Jeden Tag, Punkt zwölf Uhr, beginnt die Pilgermesse in der Kathedrale. Selbstverständlich werde ich dort hingehen. Auch dem Heiligen Jacobus selbst muss ich einen Besuch abstatten. Aus der Sache komme ich nicht mehr heraus; ich habe es jemandem fest versprochen.

In der Herberge von Santa Irene liege ich unten in einem Doppelstockbett. Manche Pilgerfreunde müssen sich derart langweilen, dass sie anfangen, in die Bretter des oberen Bettes zumeist reichlich sinnlose Sprüche einzugravieren. Selten ist mal einer dabei, über den man auch schmunzeln kann. Der hier ringt mir doch ein Lächeln ab:

 „En este cama entramos dos y salimos tres!“

Frei übersetzt heißt das: „In dieses Bett kamen wir zu zweit, und wir verließen es zu dritt!“  

Nein, sexuelle Handlungen haben vor meinen Augen und Ohren auf dem Jakobsweg nirgendwo stattgefunden. Doch die Nächte waren dunkel und manchmal durch die vielen Schnarcher auch sehr laut. Was weiß denn ich? Vielleicht hat es mit den beiden ja doch geklappt. Früher, so heißt es, wurden junge, heiratswillige Mädchen extra auf den Weg geschickt, um nach einem Freier Ausschau zu halten. Also, dafür würde ich keine Hand ins Feuer legen, unmöglich ist das auch heute nicht ...

Etwa fünf Herbergen vor dieser hier las ich eine andere Inschrift, die mich sehr viel mehr berührte: „Soy roto – volver a casa!“ – „Ich bin kaputt! Ich kehre nach Hause zurück!“ Tragisch, wenn einer so dicht vor dem Ziel glaubt, aufgeben zu müssen. Welche Geschichte, welches Schicksal verbirgt sich hinter diesem schlichten Satz? Das hätte ich doch gerne gewusst! Doch das gehört auch zu den Eigenarten dieses Weges: Man streift für wenige Augenblicke das Schicksal anderer Menschen, und im nächsten Moment geht der Pilger wieder seinen ganz eigenen Weg.

 

 

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