Sex auf dem Jakobsweg?

Undenkbar ist es jedenfalls nicht ...

In Zeiten, wo solche Bücher wie „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ Millionen Auflagen erreichen und Bestseller werden, verwundert die Neugier vieler Menschen nicht, ob denn nicht auch der berühmte Jakobsweg sein kleines, schmutziges Geheimnis hat. Ich war siebenundfünfzig Tage auf dem Pilgerweg unterwegs, und ich werde offen erzählen, was mir so begegnete. Sensationelles ist wohl eher nicht zu erwarten.

Die Geschichte will von einer Zeit wissen, wohl vor allem im Mittelalter, wo die Mütter ihre flüggen Töchter auf den Weg sandten mit der Absicht, dass diese dort den Mann fürs Leben finden sollten. Angesichts mancher Dörfer, die ich am Jakobsweg sah, schon rein demographisch eine richtige Entscheidung. Wer weiß – vielleicht tun sie das heute auch noch, nur spricht keiner drüber.

Pärchenbildung am Jakobsweg ist selbstverständlich nichts Ungewöhnliches. Das liegt ebenso in der Sache an sich begründet wie die Tatsache der Trennung bereits bestehender Verbindungen und sei es solcher durch Heirat. Der Weg hat eben seine Härten. Die widerspiegeln sich dann auch manchmal in den zwischenmenschlichen Beziehungen.

Der Anteil der Frauen an der Pilgerzahl ist etwas geringer als die Zahl der Männer. Das ist gar nicht so schlecht, weil konkurrierende Männer bestrebt sind, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Geflirtet wird, was das Zeug hält, doch die Karten stehen nicht günstig. Die Zeit für das Kennenlernen ist sehr begrenzt, und wohl keiner der Menschen, die sich für die Qualen des Pilgerweges entschieden haben, ist letztendlich auf der Suche nach schnellem Sex hier.

Wir kamen zu zweit in dieses Bett

In einer Pilgerherberge hatte jemand in die hölzernen Stäbe der Auflage für die obere Matratze eines Etagenbettes folgenden Spruch eingeritzt und mit Kugelschreiber ausgemalt: „In dieses Bett kamen wir zu zweit, und wir verließen es zu dritt!“ Jeder, der nach dem Schreiber nun dort zu liegen kam, musste diesen Spruch lesen. Inwieweit er der Wahrheit entsprach oder der feuchten Fantasie eines männlichen Pilgers – wer weiß? Unmöglich wäre es jedenfalls nicht, denn die Pilgernächte sind ohnehin selten ruhig.

Ein Pilgerpaar allein auf weiter Flur

Foto: Autor

In meinem Buch beschreibe ich eine Szene, aus der man unschwer ersehen kann, welche Art Erotik durchaus hin und wieder in der Luft lag, auch wenn man sich weiterführende Gedanken und vor allem Taten zumeist versagte. Doch eine theoretische Erörterung sei gestattet: Als ich mich in einer Herberge in der Morgendämmerung von meiner Schlafstatt erhebe, liegt in der oberen Etage des Doppelstockbetts eine hübsche Frau wie auf dem Präsentierteller vor meinen Augen. Ich kannte sie schon. Sie war sehr nett, ein paar Worte hatten wir gelegentlich in anderen Herbergen schon gewechselt. Sie war wohl wegen der Wärme im Raum unbedeckt und trug nur ein dünnes Shirt und ebensolche Slips. Ihr Kopf war zu mir gewand, sie schlief nicht und sah mich mit ruhigen Augen an. Sie hatte offenkundig nichts dagegen, dass ich den Anblick ihres schönen Körpers in mir aufnahm, sie rührte sich nicht, machte keinerlei Anstalten, sich zu bedecken. Wir lächelten uns wie im geheimen Einverständnis an, sprachen kein Wort; ich verließ den Schlafsaal.

Was wäre gewesen, wenn ...

Immer und immer wieder musste ich auf den folgenden Kilometern darüber nachdenken, was sie getan hätte, wenn ich versucht hätte, sie zu berühren:

Meine Fantasie sagte: Sie hätte meine Hand genommen und sie sacht an all jene Stellen ihres Körpers geführt, wo sie gerne berührt werden wollte.

Mein Bauchgefühl sagte: Sie hätte weiter gelächelt, meine Hand in ihre Hände genommen und sie festgehalten für eine Weile.

Die Furcht in mir sagte: Sie hätte ein lautes Geschrei gemacht und den ganzen Schlafsaal aufgeweckt. Ich wäre als Grabscher und Belästiger blamiert bis auf die Knochen.

Mein Verstand sagte und sagt es noch heute: Frauen sind wie sie sind. Frauen am Morgen, in der Wärme eines Bettes, sind besonders – viele jedenfalls. Ich hätte eine 50:50-Chance gehabt, doch die Feigheit hat gesiegt oder die Vernunft, was kaum einen Unterschied macht.

Doch selbst, wenn ... was wäre denn draus geworden? Wichtiger als der Sex ist den meisten Menschen ohnehin die Liebe. Und die Liebe - die findet immer einen Weg, auch wenn es sich um den Jakobsweg handelt!

PS

 

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