Wer schützte die Pilger vor allem Ungemach?

Die hochedlen Tempelritter hatten wohl leider anderes zu tun

Wenn man gemeinhin die Frage stellt, wer denn im Mittelalter für den Schutz der Pilgerwege zuständig war, bekommt man oft an erster Stelle als Antwort: die Tempelritter!

Aber ist das auch wirklich wahr und historisch belegt, oder handelt es sich um eine der zahlreichen Legenden, die den Jakobsweg thematisieren? Ich selbst war eigentlich auch überzeugt davon, dass die Tempelritter zuständig gewesen wären, aber ich hätte es eigentlich besser wissen müssen. Stutzig wurde ich, als ich im Internet auf eine Seite stieß, wo der Autor Tobias Daniel Wabbel auf sein Buch „Der Templerschatz“ aufmerksam macht. Er erzählt dort, dass der Patriarch von Jerusalem und König Balduin II. den Templern den Vorschlag gemacht hätten, die Pilgerwege zwischen Jaffa und Jerusalem zu sichern. Die Tempelritter (damals waren es vorerst nur acht) wären damit auch einverstanden gewesen. „Doch in Wirklichkeit scheren sie sich nicht im geringsten um die Pilgerwege. Zwischen 1120 und 1128 nehmen sie an keinerlei Kämpfen teil, obwohl das Heilige Land nach der Eroberung durch die Kreuzritter im Jahr 1099 ständig angegriffen wird. Anstatt zu kämpfen und ihrer neuen Aufgabe nachzugehen, leben die Templer zurückgezogen als Laienbrüder.“ (Wabbel, „Der Templerschatz“)

Im weiteren stellt der Autor die Behauptung auf, dass auch in den Templerregeln selbst der Schutz der Pilgerwege mit keiner Silbe erwähnt würde. Nun wurde ich doch stutzig. Hatte ich doch vor einigen Jahren schon Interesse an der Geschichte der Tempelritter entwickelt und mir deshalb auch entsprechende Literatur zugelegt. Ich durchforstete also meine Bücherregale und fand das Buch „Die Tempelritter“ von Martin Bauer. Meine Ausgabe – und die war nicht vom Originalverlag – stammt aus dem Jahre 2002. Hier kann man sowohl die Vorrede als auch die Pilgerregeln selbst nachlesen und wird nichts finden, was irgendwie mit den Jakobswegen, geschweige denn mit ihrem Schutz, zu tun hat. Der Autor selbst, der natürlich auch auf diese „erstaunliche Lücke“ in den Regeln des Ritterordens hinweist, kommt also zu dem Fazit: „Aus der historischen Rückschau kann man heute gefahrlos behaupten, dass der Pilgerschutz nicht als Hauptziel in den Statuten verankert wurde, weil er tatsächlich auch kein primäres Anliegen der Ritter darstellte; am gesamten Verhalten des Ordens über die zwei Jahrhunderte seiner Existenz zeigte sich, dass die Templer hauptsächlich in militärischen Großaktionen für die Verteidigung des Heiligen Landes kämpften und für die tägliche Kleinarbeit des Pilgerschutzes nur wenig übrig hatten.“ (Martin Bauer, „Die Tempelritter“)

gut erhaltene Ruine einer Templerburg in Santa Magdalena de Pulpis   das rote Tatzenkreuz der Tempelritter

Das rote Tatzenkreuz der Templer und die gut erhaltenen Reste einer Templerburg nahe Santa Magdalena de Pulpis in der spanischen Provinz Castellon

Um den Rittern die Ehre zu geben, muss man sicherlich auch die Geschichte und die Entwicklung des Ordens im Auge behalten. Natürlich konnten die Gründungsväter allein und der Orden in seinen ersten Entwicklungsjahren den Schutz der Pilgerwege nicht garantieren, schon rein zahlenmäßig nicht. Dennoch fand ich in der Literatur doch noch einen exakten Hinweis. Die edlen Ritter, die in den Orden eintreten wollten, mussten nach einer Probezeit außer einer Verpflichtung auf Lebenszeit auch ein vorgegebenes Gelübde ablegen. Dieses Gelübde soll sich bezogen haben auf: Keuschheit, Gehorsam, Verzicht auf persönlichen Besitz und den Schutz der Pilger auf ihren Wegen. (nach Wikipedia) Später, als der Orden so mächtig geworden war, dass sogar der König von Frankreich beim Papst auf seine Auflösung drängte, mochte die bloße Anwesenheit der Ritter auch zum Nutzen der Pilger gewesen sein. Man denke nur an solche mächtigen Templerburgen im Verlauf des Jakobsweges wie die in Ponferrada.

Wer aber war dann für den Schutz der Pilgerwege verantwortlich, wenn es die Templer weder richtig wollten noch konnten? Es waren wohl vor allem weltliche Herren, die sich für den Schutz der Pilger einsetzten – Könige zum Beispiel.

Da es in meinem literarischen Projekt hauptsächlich um die spanischen Jakobswege geht, sollen hier die spanischen Könige Alfons VI. von Leon, mehr als ein Jahrhundert später auch König Alfons IX. von Leon und Alfons X. von Kastilien Erwähnung finden. Sie taten sich hervor durch beispielsweise Brückenbauten extra für die sichere Überquerung von Flüssen durch die Pilger oder verschiedene Dekrete und Erlässe, die den Schutz der Pilger zum Inhalt hatten. Ähnliche Aktionen gab es jedoch nicht nur in Spanien, sondern selbstverständlich auch in Deutschland und anderswo.

die mächtigen Türme der Kathedrale von Leon  der Innenhof der Kathedrale von Leon

Die mächtige Kathedrale von Leon mit ihren Haupttürmen (links) und ein Blick in den Innenhof

Einen gewissen und nicht zu unterschätzenden Schutz und Hilfe für die Pilger boten die Hospize, die damals recht zahlreich vorhanden waren. Neben einer Schlafstätte (häufig geteilt zu zweit) gab es zudem Essen und Trinken. Das kostete nichts außer einer ganzen Menge an Gebeten. Klar, dass solche Freizügigkeit auch ausgenutzt wurde. Gewisse Insignien wie die Jakobsmuschel am Hut oder anderswo und überhaupt der ganze Habitus ließen ja erkennen, wer als Pilger unterwegs war. Was also sollte einen gemeinen Landstreicher davon abhalten, dies nachzuäffen, wenn dafür ein Bett und Nahrung winkten? Chronisten meinen sogar, dass neben vielen unguten Gesellen auch einfach nur arme, rechtschaffene Menschen auf die Pilgertour gingen, um sich selbst irgendwie über Wasser halten zu können. Als Scheinpilger wurden sie bezeichnet.

Wie steht es nun mit der Sicherheit?

Heutzutage wird in den Pilgerforen immer wieder die Frage gestellt, ob denn eine Frau allein den Jakobsweg gehen könne und dabei obendrein auch sicher wäre. Verantwortungsbewußte Pilger, die den Jakobsweg schon bewältigt haben, tun sich schwer mit einer definitiven Antwort. Das liegt jedoch keinesfalls an einer vermeintlichen generellen Unsicherheit des Weges. Es ist vielmehr so, dass keiner sich gerne zu einer Sache äußert, für deren Richtigkeit er am Ende gar nicht einstehen kann. Das Leben an sich ist häufig unberechenbar und voller Risiken. Wer das Risiko scheut, müßte eigentlich bei jeder Wanderung zu Hause bleiben - und auch da ist es nicht hundertprozentig sicher. Es ist bestimmt nicht falsch zu sagen, dass der spanische Jakobsweg so sicher ist wie jeder andere Weg im Lande - zu bestimmten Zeiten im Sommer sogar sicherer, weil Tausende ihn gleichzeitig benutzen. Dennoch sollte die kluge Pilgerfrau auch gängige Ratschläge bezüglich einer Minimierung jeglichen Risikos beherzigen: Es gibt in der heutigen Zeit zum Beispiel Handys, die gute alte Trillerpfeife kann Aufmerksamkeit über größere Entfernung erreichen. Man kann durchaus allein gehen, aber den Vorausgestarteten Bescheid geben, dass man in der von ihnen angesteuerten Pilgerherberge auch ankommen möchte, oder man geht so geschickt, dass man immer in Sichtweite einer kleinen Gruppe ist. Selbst wenn man sich einer kleinen oder größeren Gruppe anschließt, kann man doch allein gehen. Man eilt voraus oder bummelt etwas hinterher - die Gruppe läßt dann trotzdem niemanden völlig allein.

Wie also war das eigentlich im ansonsten oft so brachialem Mittelalter? Unter den ersten, erwähnenswerten Pilgergestalten gab es bereits in den Jahren 381 bis 384 eine Frau namens Egeria. Sie sollte aus Spanien oder Gallien stammen, wobei Letzteres wahrscheinlicher ist. Sie war eine sogenannte geweihte Jungfrau und verfasste bereits damals über ihre Reise einen Pilgerbericht in Form eines Briefes an andere geweihte Jungfrauen. Diese Niederschrift wurde 1884 in der Klosterbibliothek von Arezzo in Mittelitalien wiederentdeckt. (nach Wikipedia)

Frauen konnten sich augenscheinlich auch in dieser Zeit wohl wagen, eine Pilgertour nach Santiago de Compostela zu unternehmen, zumal sie auf Hilfe hoher Herren rechnen konnten. Denn wiederum war es König Alfons VI. von Leon, der für solch eine Sicherheit auf den Jakobswegen gesorgt haben soll, „dass selbst schwache Frauen mit den reichsten Schätzen sich unbedenklich auf Reisen begeben konnten“.

ein Ausschnittder Basilika de la Virgen del Pilar in Zaragoza  der Altar der Virgen del Pilar in Zaragoza

In der Ferne die Türme der Basilika de la Virgen del Pilar in Zaragoza und rechts die namensgebende Jungfrau selbst auf ihrer Säule (span. pilar) in der Kirche

Auf der anderen Seite jedoch gab es auch strikte Ablehnung, ja Verbote, dass Frauen am Pilgergeschehen teilhaben sollten. Es war Papst Gregor XII. höchstselbst, der allen Fauen verbot, nach Jerusalem zu Pilgern. Und was mich besonders betroffen machte: In der Basilika de la Virgen del Pilar in Zaragoza, wo ich selbst vor der Jungfrau stand während meiner Pilgertour, hatten Frauen zu mittelalterlichen Zeiten ein striktes Zutrittsverbot. Man muss sich diese Schizophrenie vorstellen: Männer durften vor der Jungfrau stehen und sie anbeten - Frauen dagegen nicht ...

Wie steht das nun mit der modernen, pilgernden Frau von heute? Schätze wird sie wohl kaum mit sich führen. Da wir uns jedoch hier mit spanischen Pilgerwegen befassen, schließt sich der Kreis auf kuriose Weise. Auch heute noch wacht ein leibhaftiger König über den Schutz der Pilgerwege. König Juan Carlos von Spanien, der ja bekanntlich gern mal zum Elefantenschießen nach Afrika reist, ist nebenbei noch der Oberbefehlshaber der Armee und damit zugleich auch der Guardia Civil. In dieser Funktion ist er also auch für den Schutz der Pilgerwege zuständig, ob er das nun will oder nicht.

PS

 

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