Traditionell oder lieber modern pilgern?

Jeder macht es so, wie er es für angemessen hält

Aus der Überlieferung wissen wir, was der Pilger des Mittelalters etwa so mit sich führte und wie er ausschaute. Er trug wohl vor allem einen langen Umhang aus Wolle, der nachts zugleich als Schlafdecke diente. Tags schützte er gegen Kälte und Regen. Das Darunter ist aus heutiger Sicht nicht so wichtig. Vielleicht waren es ein Kurzrock und Bundhosen, vielleicht etwas anderes, dem Mittelalter Gemäßes. Wichtig gegen die sengende spanische Sonne war ein breitkrempiger Hut, an dem man auch die Zeichen des Jakobsweges befestigte, in diesem Fall die Jakobsmuschel. Jeder sollte möglichst sofort sehen: Da kommt ein Jakobspilger. Das ist auch heute noch so.

Diebe und Wegelagerer waren durchaus ein Problem

Doch früher waren die Pilger mehr auf die Hilfe der Bürger am Weg angewiesen. Sie schleppten ja auch nicht ein zehn bis zwölf Kilogramm schweres Versorgungspaket mit sich. Ein kräftiger Wanderstock diente dem Abstützen an Steigungen beziehungsweise Gefällen, wohl vor allem aber auch generell als Waffe zur Abwehr von Dieben und als Schutz gegen wilde Tiere und Hunde. Ob der Pilger des Mittelalters nun eine sogenannte Pilgerflasche aus Keramik oder einen Bocksbeutel oder irgend ein anderes Gefäß mit Wasser mit sich führte, ist einerseits landesbedingt, andererseits lebensnotwendig bis heute. Mit Geld verhält es sich ähnlich. Der Pilger von damals musste sich ernähren, Spenden waren zu entrichten an heiligen Orten, Wegezölle waren zu zahlen oder der Fährmann für Überfahrten und auch Souvenirs mussten wohl sein als Beweis für die Reise. Das Geld musste also für die gesamte Pilgertour reichen. Das erklärt auch den Anreiz, den Pilger auf Diebe und Wegelagerer ausübten.

Denkmal eines Pilgers, der müde an einem Kreuz aus Beton lehnt   Die Compostela, eine Urkunde nach altem Vorbild

Müder Pilger an einem Denkmal in Leon und die ersehnte Urkunde nach Abschluss der Pilgerreise - die Compostela (alle Fotos vom Autor)

Die modernen Pilger der Neuzeit sind zumeist perfekt ausgerüstet. Sie erwerben ihre Pilgerkleidung in Sportgeschäften, die spezialisiert sind auf Wandern, Bergsteigen und Trekking. Die Kleidung ist leicht, praktisch, einfach zu reinigen und atmungsaktiv, schützt gegen Wind und Wetter. Die Rucksäcke sind geräumig, verfügen über eine Vielzahl von kleineren und größeren Taschen außen und innen, die allein schon das Packen zur Denkaufgabe machen. Darüber hinaus ist in einen guten Rucksack ein Stützsystem eingearbeitet zur Entlastung des Schultergürtels und zur Schonung des Rückens. Viel Wert wird auf gut gearbeitete Wanderschuhe gelegt. Hierbei sollte nicht am falschen Ende gespart werden, denn die Schuhe bilden sozusagen die Grundlage für das allgemeine Wohlbefinden eines Pilgers. Probelaufen mit Gepäck (!) schon vor der eigentlichen Pilgertour auch über größere Entfernungen ist von Nutzen und erspart unter Umständen größere Schmerzen und Enttäuschungen auf dem Weg. Man schlägt dabei gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, denn etwas Antrainieren kann auch nicht von Schaden sein.

Man nimmt nur mit, was man auch braucht

So zwischen sieben und zwölf Kilogramm schleppen die hartgesottenen Pilger, die autark und gut gerüstet ihre tägliche Tour in Angriff nehmen und ihr Gepäck niemals transportieren lassen würden. Zehn Prozent vom Körpergewicht wären optimal, sagt eine einleuchtende Faustregel. Ob das nun unterboten oder überboten wird, ist dem Geschick beim Einsparen unnötiger Dinge ebenso geschuldet wie der Überzeugung, auf bestimmte Sachen unter keinen Umständen verzichten zu wollen oder zu können.

  zeigt das Denkmal des Pilgers, der sich gegen den Wind stemmt, nahe O Cebreiro

Das bekannte Denkmal des Pilgers, der sich gegen den Wind stemmt nahe O Cebreiro

Auch das Mitführen von Geld, auf das der heutige Pilger ebenso wenig verzichten kann wie der damalige, dürfte kein großes Problem sein. Die Summen, die sich am Mann befinden, können gering sein, denn überall in den größeren Orten gibt es Banken und oder Geldautomaten. Zu bezahlen sind vor allem der tägliche Proviant und geringe Summen für das Übernachten in den Herbergen. Wie viel Geld pro Tag nötig ist – da gehen die Meinungen ziemlich auseinander. Sparfüchse oder sehr Anspruchslose meinen, zehn Euro würden reichen. Andere sehen da schon eher fünfzehn, zwanzig oder auch fünfundzwanzig Euro als realistisch an. Über dieses Thema wird in den einschlägigen Pilgerforen trefflich gestritten. Das ist auch so ein neumodischer Kram: Man kann vor Antritt der Pilgertour solch einem Forum im Internet beitreten. Garantiert bekommt dort der unwissende Pilgereleve auf jede noch so scheinbar unwichtige Frage eine Flut von Antworten. Erfahrene Pilger geben ihr Wissen diesbezüglich gern weiter.

Mit oder ohne Federung oder gar nicht?

Ähnliche Diskussionen löst auch immer die Frage nach einem geeigneten Pilgerstab oder Wanderstab aus. Die Hälfte etwa löst das traditionell mit einem gefundenen oder erworbenen Pilgerstock oder verzichtet ganz auf diese Unterstützung. Die andere Hälfte schwört inzwischen auf  Doppelstöcke aus dem Sportbereich, zumeist teleskopgefederte Trekkingstöcke. Richtig angewendet, helfen diese nicht nur bei einem beschwingteren, gesünderen Gehen, sondern vor allem bergauf durch Schub von hinten und noch mehr bergab als sichere Stützen gegen Ausrutschen an gerölligen Abstiegen.

Wie auch immer der Einzelne sich entscheidet; am Ende muss eine Lösung stehen, die nicht aufgezwungen erscheint, sondern brauchbar und akzeptabel die individuellen Bedürfnisse berücksichtigt. Schließlich muss jeder selbst damit zurecht kommen – und das für eine sehr lange Strecke und ein ebenso lange Zeit.

In diesem Sinne: „Ultraya!“ - Immer nur vorwärts!

Peter Schumann

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