Über die Schreiblust und andere harmlose Lüste ...

Erst eine Pilgertour auf den Jakobswegen brachte die entscheidende Wende

Schreiben hätte mein Leben sein können, wenn nicht das Leben selbst es anders eingefordert hätte. Manchmal war ich an der Verhinderung des Schreibens persönlich beteiligt, manchmal nicht. Viele Jahre arbeitete ich als Journalist und Redakteur, viele andere Jahre davor und danach in Berufen, die auch nicht das Geringste damit zu tun hatten. Als ich endlich zu mir und zur Schreiblust zurückfand und das Schreiben zum Beruf machen wollte, kam die sogenannte Wende in der damaligen DDR. Alle Themen brachen weg, meine politische Orientierung war diskreditiert. Der Überlebenskampf für die Familie erlaubte in diesen schwierigen Zeiten keine schriftstellerischen Experimente - von Schreiblust keine Spur.

Fast zwanzig Jahre später verabschiedete ich mich von dem nun zwar größer, aber mir um so fremder gewordenen Deutschland. Ich fand mich gemeinsam mit meiner kleinen Familie in Spanien wieder und neue Lebenslüste auch: die Lust am leichteren, unbeschwerteren Leben, an der gesunden Küche des Mittelmeeres, am Rioja-Wein und den schönen spanischen Frauen - rein platonisch natürlich. Auch für die Schreiblust eröffneten sich neue Möglichkeiten.

Traumhafter Pilgerweg über den Wolken hinter Foncebadon

Bald schon ging ich, weil viele Spanier es auch tun und begeistert darüber berichten, auf den Jakobswegen quer durch Mittelspanien. Sie führten mich schließlich auf die berühmte und in der Literatur schon oft beschriebene Route, die man den Französischen Weg nennt. Das Pilgern hier und anderswo ist aus seiner engen, spirituellen Begrenzung längst herausgetreten. Immer mehr Menschen - inzwischen über die Hälfte aller Pilger - nutzen diese Wege als sportliche, abenteuerliche Herausforderung oder meditative Selbstfindung. Religiosität ist also keine Voraussetzung, sich auf diesen Weg zu begeben. Ich bin dennoch der festen Überzeugung, dass dieser durch Jahrhunderte alte Traditionen geprägte Weg für jeden mehr zu bieten hat als eine bloße sportliche Wanderstrecke. Dabei spielt es keine Rolle, ob man gläubig ist oder nicht. Bevor ich selbst diesen Pilgerpfad ging, hatte ich bereits viele unbezahlbare Erfahrungen gemacht, wie sie im Leben nicht jedem zuteil werden. Von Geburt an kannte ich den Sozialismus mit der sogenannten Diktatur des Proletariats. Danach lernte ich unfreiwillig und gezwungenermaßen die Diktatur des Geldes, genannt freiheitliche Demokratie oder einfach Kapitalismus, kennen. Schließlich folgte auf eigenen Entschluß die parlamentarische Erbmonarchie in Spanien mit einem leibhaftigen, richtigen König.

Gute Voraussetzungen also für ein Buch mit Insiderwissen, das ich dann auch schrieb, nachdem ich vom Jakobsweg um unglaubliche Erlebnisse reicher und um sieben Kilo leichter wohlbehalten zurückgekehrt war: Da lagen 57 Tage Wanderschaft zu Fuß, zumeist allein, und über 1080 Kilometer hinter mir. Und die Schreiblust und die Lust auf etwas Provokation und lebhaften Streit waren mit und in mir zurückgekehrt. Für mich war der Pilgerweg nach Santiago de Compostela ein Experiment. Ich wollte sehen, was dieser Weg mit mir macht, wenn ich mich so gut wie allen religiösen Ritualen dieses Weges vorurteilsfrei und offen als Heide, als "Ungläubiger", aussetze. Das Ergebnis waren unglaubliche Begebenheiten und Erlebnisse auf dieser ungewöhnlichen Pilgertour.

Peter Schumann

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