Über die Rituale des Pilgerweges

Vielgestaltig und geprägt vom Flair der Jahrhunderte

Wer kennt das nicht? Du stehst früh am Morgen auf, begibst Dich noch schlaftrunken in die Küche und füllst die Kaffeemaschine mit frisch duftendem Kaffee. Während die Maschine ihre Arbeit erledigt, hast Du Zeit für die Morgentoilette, ziehst Dich schon an oder genießt das Frühstück noch im Pyjama – der Geruch von Brötchen oder Brot, die Morgenzeitung oder die Morgennachrichten aus dem Radio, heute eher schon vom Fernseher und so weiter und so fort ...

Das alles sind Routinen oder – wenn man sie gepflegt zelebriert – Rituale. Ohne solche Rituale ist der Tag hektisch, wirkt wie unsortiert, ohne erkennbare Struktur. Die meisten Menschen brauchen das, ja lieben es sogar, wenn sie nicht zu einer sehr kleinen Gruppe von Chaoten zählen, die das alles nicht zu interessieren scheint. Doch es ist tatsächlich nur ein Schein, ein Trugbild, das sich chaotisch veranlagte Menschen selber vormachen. In Wirklichkeit haben sie ihre eigenen Rituale – nur eben andere.

Wissenschaftler sind sogar der Meinung, dass ohne gewisse Rituale ein Zusammenleben von Menschen gar nicht gut denkbar wäre. Treffend sagt ein philosophischer Klassiker: „Man kann nicht in der Gesellschaft leben und zugleich unabhängig von ihr sein.“

Landstrasse, an derem Rand ein großes Kreuz aus Holz steht  Weiße Steintürme am Rande des Pilgerweges

Kreuze am Weg haben viel mit christlichen Ritualen zu tun; die Steintürme am Wegesrand auf dem rechten Bild sind ein Ritual, das alle Pilger nach Ermessen handhaben können oder nicht.

Auch auf dem Jakobsweg ist der Pilger nicht unabhängig von den anderen. Natürlich könnte man sich vornehmen, ganz ohne die Hilfe, ganz ohne Kommunikation mit anderen Pilgern, den Weg zu bewältigen. Klar, wenn man sich damit etwas beweisen will, kann man das schaffen – dennoch ist es nicht der Normalfall.

Der Jahrhunderte alte Jakobsweg hat seine Rituale. Man wird mit ihnen konfrontiert, ob der einzelne das nun möchte oder nicht. Man kann sie ignorieren oder annehmen. Sie sind jedenfalls da. Am offensichtlichsten erlebt man sie in den Pilgerherbergen, weil es dort ohne eine gewisse Ordnung nicht funktionieren kann. Der Pilger kommt an, setzt sein Gepäck ab und meldet sich mit seinem Pilgerausweis an. Die zuständigen Betreuer der Herbergen (Hospitalero, Hospitalera) weisen einen Schlafplatz zu oder bitten den Pilger, sich selbst einen zu suchen. Je nach Uhrzeit oder Andrang geschieht das Ganze mit oder ohne Wartezeit. Rituale sind nichts Statisches, etwas für alle Zeiten Festgelegtes. Sie sind dynamisch, verändern sich, passen sich den Umständen immer wieder neu an. So konnte ich zum Beispiel in verschiedenen Herbergen beobachten, dass die Pilger ankamen, ihre Rucksäcke in eine Reihe stellten und sich dann anderen Dingen widmeten wie Ausruhen, Unterhaltung, kleine Wäsche waschen und Ähnliches mehr. Für die Wartezeit, bis die Unterkunft öffnete, bildete das Gepäck den Platzhalter. Fast jeder, der neu hinzukam, erkannte das sofort und handelte gleich. So entsteht mit der Zeit ein Ritual.

Riesiger Steinhaufen mit einem Baumstamm - an dessen Ende ein Kreuz aus Eisen  Alter Mann mit Bart, der große Steinplatten trägt

Das Cruz de Hierro, wo die Pilger mitgebrachte Steine niederlegen. Manche sind allerdings so groß, dass Zweifel berechtigt sind, ob die je ein Pilger transportiert hat.

Eine andere Eigenheit vieler Pilger ist die folgende: An Stellen am Weg, wo es reichlich Steine gibt, fangen sie an, kleine Steintürmchen zu bauen. Oder sie legen die Steine in Form eines Pfeils auf den Weg, damit ein Abzweig deutlicher markiert wird. Viele, die nun an den Türmchen vorbei laufen, legen einen Stein hinzu. Eigentlich ist ja Steinkult ein heidnischer Brauch. Doch darauf kommt es wohl so genau nicht an. Es ist ein Ritual, das im Niederlegen eines von zu Hause mitgebrachten und mit Wünschen besprochenen Steines am berühmten Cruz de Hierro (Eisenkreuz) seinen Höhepunkt nahe der Grenze zu Galizien findet. Vom Cruz de Hierro war ich übrigens vom ersten Anblick enttäuscht. Ich hatte mir ein sehr großes eisernes Kreuz vorgestellt. In der Realität ist es aber "nur" ein sehr hoher Baumstamm, an dessen oberem Ende ein gar nicht all zu großes Eisenkreuz angebracht ist.

Ein anderes Ritual, das die jeweiligen Pilger in den Herbergen jedes Mal in zwei Gruppen teilt, ist die Gepflogenheit des Pilgersegens. Das findet entweder in der Herberge selbst oder in einer meist sehr nahe gelegenen Kirche statt. Natürlich ist solch ein Pilgersegen nicht jedes Pilgers Sache. An anderer Stelle habe ich schon mitgeteilt, dass nur noch knapp die Hälfte aller Pilger den Jakobsweg aus ausschließlich religiösen Motiven geht. Man kann deshalb nicht schlechthin der anderen Hälfte die Pilgerschaft absprechen. Doch beim Pilgersegen halten sie sich zurück wie bei allen anderen Dingen auch, die dann für sie zu heilig, zu religiös zelebriert werden.

Hügel mit Sonnenaufgang und einem Kreuz davor  Weitläufige Landschaft mit einem Pilgerweg und einem Kreuz am rechten Rand

Christliche Symbolik links und der Jakobsweg kurz hinter Montanjos mit einem Steinhaufen und einem Kreuz am Weg (Fotos vom Autor)

Doch dann, in der heiligen Stadt Santiago de Compostela, vergessen viele der eher weltlichen Pilger ihre Zurückhaltung. Zu verlockend ist die Aura der vielseitigen Rituale, die das Pilgerziel zu bieten hat. Das beginnt schon beim Betreten der Kathedrale durch das Hauptportal. Hier sollte es der Pilger auf gar keinen Fall versäumen, eine Hand in die Einkerbung der Säule aus Marmor unter dem Portico de la Gloria zu legen. Diese Vertiefung selbst soll durch die Berührung von unzähligen Pilgerhänden im Laufe der Jahrhunderte entstanden sein.

Der Gang zum Heiligen Jakob ist die Krönung

Die Krönung aller Rituale aber ist der Gang des Pilgers zum Namensgeber des Jakobsweges, dem Heiligen Jakob. Der Pilger wird einzeln durch ein kleines Türchen eingelassen, steigt einige mit rotem Teppich belegte Stufen empor. Dann befindet er sich hinter der Statue des Heiligen Jakob und kann diesem die Arme um die Schultern legen. Dabei äußert er Dankbarkeit oder Wünsche oder beides oder auch gar nichts.

Jeden Tag 12.00 Uhr findet eine Heilige Pilgermesse statt. In deren Verlauf werden alle in den letzten vierundzwanzig Stunden neu angekommenen Pilger begrüßt, und zwar durch Nennung ihres jeweiligen Herkunftsortes. Das lässt sich in der Regel auch der weltliche Pilger nicht entgehen.

Jeden Abend, um 21.00 Uhr, findet eine weitere Pilgermesse statt, die in einem größeren Rahmen der abendlichen Pilgersegnung in den Herbergen am Weg entspricht. Hier sind die gläubigen Pilger wieder eher unter sich. Ja, und dann gibt es noch ein gegenständliches Ritual in Form einer Urkunde – die Compostela. Sie beweist mit dem eingeschriebenen eigenen Namen die Teilnahme und den erfolgreichen Abschluss der gesamten Pilgertour. Allerdings: Notwendig dafür sind nur der Nachweis der letzten einhundert Kilometer für die Pilger zu Fuß und zweihundert für die Radpilger. Das ist eigentlich nicht viel, oder? Doch das wäre schon ein anderes Thema ...

Peter Schumann

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