Wo bleiben die großen Ideale?

Die Zeit der Indianer ist längst vorbei

Nach der Märchen- und der Indianerphase kam eine andere. Zurück blieb jene unstillbare Sehnsucht nach all den großen Gefühlen aus dieser Art Literatur. Ging es doch immer um aufopfernde Liebe, um niemals wankende Treue, um Mut, um den Kampf des Guten gegen das Böse. Letzteres in einem weitaus menschlicheren Sinne, als das heute von manch führenden politischen Repräsentanten in der Welt proklamiert wird.

Gibt es denn etwas Dumpferes, etwas denkbar Sinnloseres als den Kampf unterschiedlicher Religionen gegeneinander? Wo jeder offenkundig schnell vergisst, was die eigene Religion beschwört? Dabei ist jede einzelne für sich genommen überzeugt davon und angetreten, dass sie den Menschen besser macht! Trotzdem waren ganze Jahrhunderte von solchen Auseinandersetzungen geprägt. Sie dauern an bis heute.

Gibt es den besseren Menschen?

Man sollte meinen, die Menschheit wäre im Verlaufe ihrer zivilisatorischen Entwicklung klüger geworden. Doch bereits am Ende der Indianerphase ahnte ich zumindest, dass sich das Gute nicht immer durchsetzen kann. Sitting Bull beispielsweise, der legendäre Häuptling der Sioux-Indianer, begab sich mit dem Rest seines Stammes auf den langen, harten Marsch nach Kanada. Ruhmreich und von Legenden umwoben, zugleich jedoch geschwächt und müde von den zermürbenden Kämpfen gegen die weißen Siedler und die amerikanische Armee, glaubte er fest daran, er ginge nun in die Freiheit, in den Frieden. Am Ende mit leeren Versprechungen zurückgelockt, mit falschen Freunden wie Buffalo Bill umgeben, standen Verrat und Untergang – die Zeit der Indianer war endgültig vorbei.

Die ersten Illusionen wurden zu Grabe getragen. Viele weitere werden im Laufe des Lebens, der Erlebens, folgen. Man bezeichnet das als Reifeprozess, als Entwicklung. Am Ende dieses unvermeidlichen Prozesses steht ein anderer Mensch, ein besserer?

Ich habe keine Ahnung, wie viele von all den Idealen der Jugend man überhaupt bis ins reifere Alter retten kann. Wo verliert man beispielsweise diese unbarmherzige Wahrheitsliebe, dieses hartnäckige Nachfragen, dieses Infragestellen von allem und jedem? Darüber führt keiner Buch. Auch soziologische Untersuchungen befassen sich kaum damit. Wen interessiert, wo sie bleiben, die großen rebellischen Gefühle? Sind sie überhaupt gefragt in der heutigen Zeit?

(Aus dem Buch "Ein Heide auf dem Jakobsweg")

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